Zur Uraufführung der "Deutschen Vesper" von Günter Gruschwitz am 2. Mai 2004 schrieb die Rhein-Zeitung:
Bewegend: „Lobet den Namen des Herrn!”
Die Uraufführung der Gruschwitz-Vesper in der Marktkirche begeisterte das Publikum
NEUWIED. Das ist nicht alltäglich in der Neuwieder Musikszene: Die Uraufführung eines großen Werkes für Soli, Chor und Orchester eines Neuwieder Komponisten, aufgeführt von überwiegend einheimischen Künstlern! So geschehen vor einem begeisterten Publikum in der Marktkirche mit der 1995/96 entstandenen "Deutschen Vesper" des Neuwieder Kirchenmusikers Günter Gruschwitz unter dem Sinn gebenden Motto "Lobet den Namen des Herren" - für Gruschwitz "Anlass und Antrieb bei der Entstehung des Werkes".
Seit Monaten war es Günter Gruschwitz eine Herzensangelegenheit, das Werk, gewidmet "der ökumenischen Chorarbeit in Neuwied" in seiner Heimatstadt erklingen zu lassen, dazu an seiner alten musikalischen Wirkungsstätte, der Marktkirche. Er gewann dazu als kompetente Ini~tiatoren die Neuwieder Kirchenmusiker Bernd Kämpf, der sich mit seinem für neue musikalische Dinge aufgeschlossenen Kammerchor Neuwied der chorischen Einstudierung annahm, und des jetzigen musikalischen Hausherrn der Marktkirche, Kantor Thomas Schmidt. Beide brachten in ökumenischer Eintracht das 8O-minütige Werk in Zusammenarbeit mit der Stadt Neuwied zur Uraufführung. Nach Bekunden des Komponisten, der sich von Monteverdis "Marienvesper" inspirieren ließ, ist der musikalische Ausdruck des Werkes im Gegensatz zu seinen anderen Kompositionen "gemäßigt modern", die "Klänge orientieren sich eher an der alten Musik, vorgegeben durch die der Vesper zugrunde liegende Gregorianik".

Drei Kantoren nach der gelungenen Uraufführung:
Thomas Schmidt, KMD Günter Gruschwitz, Bernd Kämpf
Die Zuhörer erleben ein bewegendes, vielschichtiges Werk, bei dem Günter Gruschwitz die Psalmtexte 110, 111, 112 und 113, das Responsorium und den Hymnus, aber auch, für einen evangelischen Kirchenmusiker sicher ungewöhnlich, das Magnificat, den "Lobgesang der Maria", in musikalisch beeindruckender Weise verarbeitet hat - ein großer kompositorischer Wurf! Gruschwitz setzt dabei Chor, Solisten und Orchester im feinfühligen Wechsel ein. Das nur für diesen Anlass zusammengestellte Orchester (Konzertmeisterin Silke Link), ebenfalls durchsetzt mit vielen bekannten Neuwieder Gesichtern, und Thomas Schmidt an der Truhenorgel musizieren unter dem wie immer souveränen Dirigat von Bernd Kämpf die nicht einfachen Klangbilder erstaunlich homogen. Gleiches gilt für die bewährten Neuwieder Solisten und ihre vom Komponisten recht schwierig geführten Stimmlagen. Einmal mehr sticht dabei der junge Bassist Christian Palberg mit klarer, akzentuierter Bassstimme hervor. Er steht, eine seltene Konstellation, neben seiner Mutter Mechthild Palberg, die die Alt-Soli abgeklärt vorträgt. Christine Staebel (Sopran) und Axel Hoffmann (Tenor) meistern ihre Partien mit großer innerer Anteilnahme.
Beim Responsorium dirigiert Sabine Paganetti, die auch solistisch zum Einsatz kommt, und Bernd Kämpf wechselt solistisch auf die Chorseite, hier neben seinem Sohn Sebastian singend, Matthias Zimmermann ist mit Axel Hoffmann Tenorsolist im "Ehre sei dem Vater" des Psalm 111, das Günter Gruschwitz in den einzelnen Psalmschlüsscn immer wieder variiert auskomponiert hat.
Dem vorbildlich singenden Chor hat die Einstudierung des Chorwerkes sichtlich und hörbar Spaß gemacht, die absolut sauber musizierenden Bläser gestatten, mit wechselnder Aufstellung im Kirchenraum, das klangprächtige Intermedium I und II. Pfarrer Werner Zupp ist als Lektor eingebunden mit dem Evangelium vom Weinstock nach Johannes. In der gewaltigen Schlussapotheose sind alle vereint - Solisten, Chor, volles Orchester (mit Röhrenglocken): "Ehre sei dem Vater...".
Minutenlanger, stürmischer Beifall der begeisterten Zuhörer für alle Mitwirkenden und den Komponisten Günter Gruschwitz, der die Beifallsbekundungen gerührt entgegennimmt und dann beim abschließenden 136. Psalm von Heinrich Schütz selbst als Chorsänger in den Chor schlüpft.
Für diesen imposanten Abschluss hat Bernd Kämpf noch einmal alle Mitwirkenden im Kirchenschiff und auf der Empore verteilt - ein verblüffender "Raumklang", bevor noch einige stille Takte aus der Gruschwitz-Vesper als Zugabe erklingen. Wieder brandet der Beifall für den Altmeister der Neuwieder Kirchenmusik auf, dem man noch viele solcher hervorragender kompositorischer Einfälle wünschen möchte, und eine weite Verbreitung seiner jetzt uraufgeführten Vesper.
Herbert Kutscher
aus: Rhein-Zeitung, 6.5.2004 |