Predigt zu Kol 3,12-17 am Sonntag Kantate
02. Mai 2010 in der Marktkirche, Neuwied
Im Kolosserbrief Kapitel 3 heißt es:
12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; 13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. 15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. 17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
Liebe Gemeinde,
der Predigttext heute geht einem runter wie Öl oder? Wir sind die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten.
Liebe Auserwählte Gottes, liebe Heilige, Geliebte,
unser Gewand -so der Text weiter-, welches wir als diese anziehen sollen, sei herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld.
Diese sind die geweihten Gewänder, die der Herr uns bereitet. Das ist der feste Boden, auf dem wir schreiten. Diese sind die heiligen Hallen in denen wir weilen.
Liebe Gemeinde,
Gott erkennt uns als Auserwählte, Heilige, Geliebte, aber wie sehen wir uns selbst?
Wie tragen wir, als Auserwählte das Gewand der Freundlichkeit, des herzlichen Erbarmens?
Schlurfen wir mit hängenden Schultern, gebeugtem, geknicktem Rückgrad, gesenktem Kopf und leiser nuschelnder Stimme, aber in auserwähltem Gewand durch eine in unseren Augen graue Welt, deren Farbenpracht uns anficht?
Welch trauriger, grotesker Anblick.
Oder tragen wir einen bösen Blick über unserer dem Himmel entgegengereckten Nase? Kreischen wir mit zimbelhafter Stimme neidische Kränkungen in die Welt? Rühmen uns dabei aber eines Gewandes welches wir in Selbstverliebtheit und Anmaßung zum Schneider gaben?
Welch kranker, böser Anblick.
Oder schreiten wir, mit vertrauendem Schritt, einem liebevollen, freundlichen Antlitz, demütig mit klingenden Worten auf der Zunge die heiligen Hallen göttlicher Schöpfung entlang?
Welch gottgefälliger Anblick.
Und wie sieht es mit uns als Gemeinde aus? Sind wir eine Gruppe von Auserwählten mit diesem positiven, auf Vergebung gründenden, einladenden Selbstverständnis?
Oder rechnen wir einander auf, zergehen uns in Gemecker und Hinweisen auf die Grenzen unseres Tuns für Gott mit weltlichen Begründungen.
Liebe Auserwählte, was der Kolosserbrief uns sagen will: „Wir sind der Klangkörper Gottes. In seiner Ebenbildlichkeit klingen oder quitschen wir von ihm. Rühmen oder Kreischen ihm.“
Gegeben ist uns göttliche Ebenbildlichkeit vor seinem Antlitz. Wie wir die Gabe aufnehmen, zur Aufgabe uns machen, das ist unser.
Liebe Heilige,
der Kolosserbrief lässt uns aber nicht zurück mit Beschreibungen und Forderungen, die wir angesichts nicht wegzulügender Tristesse in unserer Welt kaum erfüllen können. Auch dem Verfasser des Predigttextes sind die Schattenseiten, die vermeintlichen Unmöglichkeiten, des Lebens bekannt, denn er lebte in dieser Welt, die damals wie heute von Angst, Traurigkeit und Missklängen geprägt ist.
Nein, er weiß in welcher Welt wir uns zu bewähren haben. Was er der Gemeinde schon damals und uns heute in Erinnerung rufen möchte, ist die Haltung, mit der wir dieser Welt begegnen. Der Kolosser erinnert uns daran, wer wir sind. Wir sind Heilige, wir sind Auserwählte Gottes und mit diesem Selbstverständnis gilt es aufzutreten. Wir sollen der Welt nicht ausweichen, wie die mit den hängenden Schultern. Wir sollen die Welt nicht verbessern, wie die mit den erhobenen Nasen. Nein wir sollen die Not der Welt als Aufgabe annehmen, demütig, d.h. zum Ruhme Gottes. Dazu gehört zunächst sich gegenseitig zu vergeben -wahrlich die größte Hürde, dem Auserwählt-Sein gerecht zu werden- denn wir sollen uns als Auserwählte in Freundlichkeit begegnen.
Aber auch jetzt darf man dem Kolloserbrief keine Naivität unterstellen, denn er ist sich der Schwierigkeit dieses Aufrufs durchaus bewusst. Darum gibt er uns folgende Anweisung:
„16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“
Der Kolosser erinnert uns daran, dass Lehre und Ermahnung die Schlüsselwörter des aufrechten Ganges sind. Sie sind die würdige Haltung für das Gewand der Vergebung. Er spricht von Lehre und Ermahnung in Weisheit, d.h. nicht aufgrund von Stammtischwahrheiten oder irgendwelchem Halbwissen. Sondern in Weisheit, der höchsten Form des Wissens. In wissendem Glauben, sollen wir uns gegenseitig Lehren und Ermahnen.
Jetzt bleibt nur noch die Frage: „Wie sollen wir das leisten?“ „Was gab uns Gott, ihm diesen Dienst zu tun?“
Der Kolosser kennt die Antwort. Gott gab uns die Musik, den Gesang. Das gesprochene Wort hat Kraft, dem gesungenen Wort wohnt ein Zauber inne. Die Musik rührt uns Menschen an. Sie dringt an Orte, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Liebe Auserwählte,
wenn wir singen, klingt Gott selbst mit ein, singt unser alter ego, unsere Ebenbildlichkeit Gottes. Dazu gehört, dass unser Gesang nur dann einen guten Klang erlangt, wenn wir gerade, aufrecht stehen und nicht schlaff rumhängen oder vollkommen überdehnt dastehen.
Wichtiger aber ist der eben genannte Zauber bzw. die vom gemeinsamen Gesang ausgehende Kraft. Sie kennen vielleicht den Satz: „Wir können zwar gemeinsam singen, aber nicht gemeinsam reden.“ Erstes klingt wohl, letzteres gleicht babylonischem Sprachgewirr. Gemeinsam können wir nur im Gesang die Stimme mit effektiver Kraft erheben.
Diese Kraft die vom gemeinsamen Musizieren, vom gemeinsamen Gesang ausgeht, klingt durch Zeiten und Welten, lässt Mauern einstürzen von Jericho bis Berlin.
Beides schien lange Jahre unmöglich.
Liebe Heilige,
das gesungene Wort klingt nach. Wer von ihnen schon in Taizé war, erinnert sich vielleicht an den Morgen danach. Mir ging es dort oft so, dass ich des Morgens mit dem Gesang „laudate omnes gentes“ wach wurde, welchen wir am Abend zuvor in der Kirche zu Taizé sangen. Und schon bevor ich die Augen öffnete, wusste ich wo ich war und vor allem warum ich dort war, eben um Gott die Ehre zu geben, ihn zu loben wir Völker alle.
Liebe Auserwählte,
der Kolosser weiß, dass gesungene Ermahnungen ohne Umschweife ins Herz vorstoßen, da sie den erhobenen Zeigefinger des gesprochenen Wortes, vermissen lassen. Denn der Ton macht die Musik. Wie leicht geht manchem gesungener Vaterlandsstolz von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt über die Lippen, welche er oder sie niemals aussprechen würde. Das passiert nicht nur spätere baden-würtembergischen Ministerpräsidenten auf Burschenschaftsfeiern in Tübingen.
Darum ist der Fokus gesungener Ermahnung nicht zu verlieren. Musik hat aufgrund ihres Zaubers, die Möglichkeit uns Dummes glauben zu lassen. Darum, so der Kolosser weiter, ist Christus, die Liebe, das Band oder der Kanon, welches die Töne zusammenhalten muss. Und das gelingt eben am Besten, wenn wir -wie im Choral angestimmt- ihn den Christus, und seine Bedeutung für uns mit Cherubim und Seraphim loben. Wenn wir singend unserem Auserwählt-Sein gerecht werden, d.h. unser Gewand des herzlichen Erbarmens, der Freundlichkeit, der Demut, der Sanftmut und der Geduld annehmen und Gott singend loben und preisen.
Amen
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Predigt zu 1. Kor. 15,1-11 an Ostersonntag
am 4. April 2010 in der Marktkirche, Neuwied
Liebe Gemeinde.
Meine Vorfahren väterlicherseits stammen aus dem Oberbergischen. Das ist das Land südöstlich von Köln, zwischen Gummersbach und Wiehl, zwischen Nümbrecht und Waldbröl.
Die Oberberger, sie sind bis heute dafür bekannt, dass sie besonders fromm sind. Auch meine Großtante Martha, die Schwester meiner Großmutter stammte von dort und sie wusste viel von unseren frommen Vorfahren aus dem Oberbergischen zu erzählen. Ich muss gestehen, ich habe sie oft in meiner Kindheit und Jugend wegen ihres Glaubens bewundert und manchmal, wenn sie so aus ihrer Kindheit und Jugendzeit anfing zu erzählen, dann wusste sie auch davon zu berichten, dass sich im Oberbergischen die Menschen, die sich in den Gebets- und Bibelkreisen trafen, dort auch zusammen kamen, um sich gegenseitig von ihrer Bekehrung und von ihren Begegnungen mit dem lebendigen Herrn Jesus Zeugnis zu geben. Manche von ihnen waren dann so fromm, dass sie dann auch glaubten auch ein eigenes Liederbuch haben zu müssen, sie besorgten sich ein Harmonium und gründeten eine eigene Kirche.
Unsere Tante Martha dagegen war nüchtern und eine Realistin: „Kinder“, sagte sie, „Lest in der Bibel, lest in der Heiligen Schrift!“
Ich glaube, liebe Gemeinde, diese Nüchternheit ist wichtig, auch wenn das Osterfest ein rauschendes Fest. Sie ist wichtig diese Nüchternheit, damit das Osterfest ein rauschendes Fest wird und nicht ein be-rauschendes Fest.
Lest in der Heiligen Schrift schreibt der Apostel Paulus an die Menschen in Korinth. Kennen Sie, liebe Gemeinde, kennen Sie jemanden von denen, von denen der Apostel Paulus hier schreibt, sie hätten eine persönliche Begegnung mit dem Herrn Jesus gehabt. Ich kenne niemanden von denen und ein paar von ihnen, so schreibt Paulus, seien sogar schon tot gewesen zu dem Zeitpunkt, als er diesen Brief an die Korinther schrieb. O ja, die Frommen aus dem Oberbergischen, sie hätten gewiss gerne ihre Namen mit hineingesetzt in die Liste derer, die spezielle Glaubenserfahrungen gemacht und die den Auferstandenen persönlich erlebt haben.
Aber nein, sagt Paulus. Diese Liste ist abgeschlossen. Da kommt niemand mehr hinein. Der Apostel selbst ist der letzte in dieser Liste. Darum lest in der Schrift und da lese ich: Als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe. Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift. Nach der Schrift. Gestorben waren vor Christus schon viele und auch nach ihm. Und auferstanden ebenfalls. Der Apollonius von Tyana z. B. und der Alexander von Abuniteichos. Alles schöne starke erfolgreiche und tüchtige Helden. Auch in Korinth, so ist dem Apostel Paulus zu Ohren gekommen, auch in Korinth, soll es Auferstehungen gegeben haben von Menschen, die auf irgendeine Weise besondere Berühmtheit erlangt haben. Gestorben und auferstanden nach den Gesetzen menschlicher Träume, Sehnsüchte und Ideale. Nein! Für Jesus Christus gilt das nicht. Für ihn gilt: Gestorben nach der Schrift und auferstanden nach der Schrift. Gestorben und auferstanden nach dem guten Willen Gottes. Der, den wir an Karfreitag als den ganz und gar Toten gepredigt haben. Der, der von Gott und aller Welt verlassen wurde, der, der als der aussichtslose Wanderprediger, wohin er auch kam den unverbesserlichen Hang in die Tiefe zeigte, er ist Gottes Meisterstück. Nach ihm hat Gott die ganze Menschheit zu erneuern begonnen und wird mit ihm die Welt vollenden. Mit ihm hat Gott zurückgegriffen auf den Tod und den Tod gebunden an das Leben.
Das ist es, was der Apostel Paulus empfangen hat. Das ist es, was er weitergibt an die Menschen in Korinth. Dieses Evangelium. Und dann fingen die Evangelisten an, Geschichten zu erzählen und aufzuschreiben. Geschichten von dem, der lieben kam und sterben ging. Geschichten von seinem Leiden und Sterben, von seinem Leben und seinem Tod. Geschichten vom dem Gekreuzigten, Auferstandenen. Gestorben nach der Schrift und auferstanden nach der Schrift. Nach der Schrift, die Gottes Geschichte mit den Menschen und mit der Welt in vielen lesenwerten Episoden erzählt. Nur eine Geschichte, liebe Gemeinde, eine Geschichte fehlt mir in der Heiligen Schrift. Eine Geschichte von der Höllenfahrt Jesu. Im Glaubensbekenntnis bekennen wir ja „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ . Früher hieß es da übrigens „niedergefahren zur Hölle“. Und ich frage mich immer wieder, weshalb wohl kein Evangelist auf die Idee gekommen ist, eine Geschichte zu schreiben von der Höllenfahrt Jesu Christi? Was mag der Grund dafür sein? Vielleicht, dass das Erdenleben Jesu schon genug Hölle war? Dass es schlimmer für ihn gar nicht hätte kommen können im Zusammenleben mit den Menschen. Mit den Menschen, die sich selbst täglich an die Stelle Gottes setzen und sich gegenseitig verteufeln. Mit den Menschen, wo einer des anderen Wolf ist. Ist das nicht schon das Reiches des Todes, wenn des einen Tod des anderen Brot wird?
Gestorben nach der Schrift. Ja, unseren Tod ist Jesus Christus gestorben Unseren Tod hat Jesus Christus an sich gebunden und all die tödlichen Fahrlässigkeiten, die uns tagtäglich unterlaufen. Gestorben nach der Schrift und auferstanden nach der Schrift.
Ja, schriftlich hat Gott uns seine Treue mitgeteilt, seine Treue zu den scheinbar vom Tode bedrohten Menschen und zu dem scheinbar tödlich gefährdeten Kosmos. Schriftlich besiegelt mit dem Blut Jesu Christi. Und wörtlich hat er ihn von den Toten auferweckt. Wörtlich, nicht bloß wiederbelebt oder gar reanimiert, so dass nur seine Seele wieder bei uns sei. Wörtlich, damit der Tod nicht mehr das letzte Wort hat, damit er nichts mehr zu sagen hat, so geschwätzig er sich auch weiter geben mag. „Darum Kinder, lest die Heilige Schrift, lest die Bibel!“ hat meine Tante Martha gesagt und sie hatte Recht.
Bei den Gemeinschaften damals im Oberbergischen bestand ja der Verdacht, dass dort die fromme Seele sich selbst feierte und die eigene religiöse Erfahrung dann zum Maßstab allen Glaubens gemacht wird. Jener Verdacht, der übrigens auch nicht auszuschließen bei all den Gruppierungen, die es heute gibt, und die besondere Gotteserfahrungen für sich in Anspruch nehmen und dabei nichts anderes haben als verstümmelte Selbsterfahrung.
Nein, liebe Gemeinde, Christus ist nach der Schrift gestorben und nach der Schrift auferstanden und nicht nach irgendwelchen eigenen Erfahrungen. Und begraben, dieses Wort schreibt der Apostel Paulus ausdrücklich hinein in das alte Christusbekenntnis, dass er von den Vorgängern im Glauben empfangen hat. Schreibt es hinein, damit wir glauben, dass Jesus Christus wirklich tot ist. Tot mit Leib und Geist und Seele und dass die Liste abgeschlossen ist, die Liste derer, die besondere Erfahrungen mit dem Auferstandenen gemacht haben. Der Apostel Paulus ist der Letzte in dieser Liste.
Der Paulus, der ein Stotterer war, der niedergeschlagen und depressiv war und der die Christen deshalb einst verfolgte. Er, der geringste unter den Aposteln, der es nicht wert ist, ein Apostel zu heißen sagt: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Durch Gottes Gnade sind wir, die wir sind, liebe Gemeinde. Denn mit der Gnade Gottes, mit seiner Gnade greift der Auferstandene wörtlich die gnadenlose Welt an, die Welt in der des einen Tod des anderen Brot ist. In dieser Welt greift er im gebrochenen Brot und in der Frucht des Weinstocks nach unseren bröckelnden Leibern, nach unseren zugedeckten Gemütern und unseren verblendeten Köpfen. Er greift mit seiner Geschichte ein in die wirre Geschichte unseres Globus, der nur deshalb so quietscht und so eiert, weil er aus den Fugen geraten ist und sich nicht mehr halten kann in seinem Zustand angesichts der Zukunft des Auferstandnen.
Ja, liebe Gemeinde, und jetzt können wir wieder singen. Jetzt können wir uns dem Rausch des Osterfestes hingeben. Sie entschuldigen, bitte, die nüchternen Gedanken zum Osterfest, die ich ihnen vorgetragen habe Aber wir sollen uns ja nicht berauschen. Wie sagte doch meine Großtante Martha immer: „Kinder, lest in der Schrift!“. Sonst werden wir es nie glauben, dass das wahr ist, dass Christus auferstanden ist, dass er wahrhaftig auferstanden ist. Amen
Predigt zum Gedenkgottesdienst der Befreiung der KZs vom 31.01.2010
Predigttext: Psalm 31,9+1
Liebe Gemeinde,
die Psalmen haben eine Sprache für die Tiefen der Angst und des Glücks, sie haben aber auch eine Sprache für Momente, die uns sprachlos machen.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum!“ Welch ein Glück, mit den Füßen – auch mit denen der Seele – wieder frei ausschreiten zu können, so wie der Psalmbeter es sagt, wieder ins Offene hinaustreten zu können, tief durch zu atmen und selbst die Richtung wählen zu können, neuen Erfahrungen und neuen Begegnungen entgegen. Das Glück durchströmt den Beter wie neues Leben, wie die Enge ihm zuvor den Atem nimmt und seine Seele fast erstickt wäre. Ja endlich wieder ein weiter Raum für meine Seele, so scheint es der Psalmbeter ausdrücken zu wollen – welch ein Glück
Liebe Gemeinde, am Mittwoch der vergangenen Woche begingen wir den 27. Januar. Dieses Datum gilt als der Tag der Befreiung von Auschwitz. Und als solcher wäre er geeignet für einen nationalen Feiertag der Deutschen - er war es übrigens auch schon vor 1918 einmal, nur auf andere Weise: nämlich als „Kaisers Geburtstag“ war es ein nationaler Festtag für Glanz und Gloria des Deutschen Reiches und damit für die Anfänge deutschen Größenwahns. Welch eine Zeiten-, Schicksals- und Bewusstseinstiefe würde ein solcher Gedenktag aufreißen.
Doch es ist gerade dieser Tag, der es uns schwerer macht als alle anderen Gedenktage, denn mit ihm ist der Name Auschwitz verbunden. Und der Name Auschwitz verändert alles. Auschwitz ist wie ein Fluch und die Erinnerung führt uns in die tiefsten menschlichen Abgründe.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Der Psalmbeter erlebt Erlösung und Befreiung. Auch am 27. Januar 1945 sprechen wir von einer Befreiung. Aber was war das für eine Befreiung. „Seit ich befreit bin, fühle ich mich niedergeschlagener und verlorener als zuvor.“ schrieb Elie Wiesel, der Auschwitz überlebte.. Er hat den Tag der Befreiung im Konzentrationslager Buchenwald erlebt und er beschreibt ihn nicht als einen Tag des Glücks. So ist in seiner Autobiographie zu lesen:
„Wir fielen uns aber nicht fröhlich in die Arme Wir jubelten und sangen nicht um unser Glück zu zeigen. Denn “Befreiung“ dieses Wort bedeutete nichts für uns. Wir waren nicht glücklich, denn wir waren von so vielen Toten umgeben. Ich suchte und suchte, ohne zu wissen, was ich suchte. Ich suchte jemanden zu dem ich sagen konnte: Siehe mich an, ich lebe. Wobei wir übrigens nicht wussten, was dieses Wort Leben bedeuten soll. Würde ich es jemals wissen.“
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Für den Psalmbeter des 31 Psalms steht hier fest, dass er Gottes helfende Güte jubelnd preist , dass er aufatmet wie ein Gefangener, der seinen Kerker verlassen darf und der sich nun wieder auf freiem Raum bewegen kann. Im Psalm ist es der Jubel der Erlösten, ein wahres Danklied das hier zum Ausdruck kommt.
Doch konnten die, die 1945 die Befreiung in den Konzentrationslagern erlebten noch solch einen Jubel ausdrücken?
Allzuviele, Unzählige, sind vorher den Weg in die Vernichtung gegangen und nur allzuwenige haben den Tag der Befreiung noch lebend erreicht Von den wenigen, die ihn erlebten, diesen lang ersehnten unvorstellbaren Tag hatten viele am Ende keine Kraft mehr in ihren Füßen, um den Weg ins Freie zu gehen.
So trugen sie immense Lasten mit sich. Sie trugen unsägliche Verletzungen an Leib und Seele mit sich und fanden dafür dann auch draußen keinen Raum und keine Gesellschaft, die bereit gewesen wäre alle Kräfte der Versöhnung und Heilung aufzubieten, um ihnen den Weg in die neue Freiheit zu ebnen.
Im Gegenteil: Oft blieben ihre Erinnerungen überall unwillkommen und bis heute selbst zum Teil in Israel, tauschen die Überlebenden ihre Erinnerungen nur hinter verschlossenen Türen aus.
Und so steht der Name Auschwitz, liebe Gemeinde, für ein Grauen, für ein Grauen, das nicht zu bewältigen ist. Unsere Erinnerung wird nicht lernen damit umzugehen, wie sollte sie es auch können? Wie soll es gelingen und mit welcher Trauerarbeit überhaupt sollte dieses unabsehbare Meer der Trauer auszuschöpfen sein. Wie sollen wir dem Ausmaß dieser Vernichtung standhalten
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“. Das ist, liebe Gemeinde, ein Wort glühender Sehnsucht. Und der Psalmbeter nicht obwohl, sondern gerade weil er sich mit all seiner Not von den Händen Gottes umfasst weiß, schüttet er Gott sein ganzes Elend in den Schoß und stellt neben seinen Lobpreis aber auch gleich die Klage
Es wird wichtig bleiben und ein Auftrag an uns alle, den wenigen Überlebenden noch ein Stück weiten Raum zu schaffen, einen Raum für ihre Füße und vor allem für ihre Seelen, dass wir ihre Klagen und ihre Schmerzen auch noch heute hören.
Und auch hier dürfen wir wieder von dem Psalmbeter lernen. „Ich bin vergessen in ihren Herzen wie ein Toter, ich bin geworden wie ein gebrochenes Gefäß und ich höre wie viele über mich lästern. Sie halten Rat über mich und trachten mir nach dem Leben
Es gibt nicht Schlimmeres unter uns Menschen als einander zu vergessen. Der Psalmbeter scheint eine Ahnung davon zu haben und weiß das heißt, vergessen zu werden
So klammert er sich in seinem Elend erst recht an seinen Gott, er befiehlt ihm sein ganzes Geschick, und er hofft darauf, dass er, Gott, es wende
Das Schicksal der Überlebenden des Holocaust wird mit jedem aus dieser Generation, der stirbt mehr und mehr der Vergessenheit anheim gestellt werden.
„Es ist die Erinnerungsfähigkeit die Menschen erst zu Menschen macht“, so sagt es Aleida Assmann. So könnte der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz ein solcher Tag werden, ein Tag gegen das Vergessen, gegen die Gleichgültigkeit den Überlebenden gegenüber. Ein Tag, der verhärtete Herzen öffnet, der Schuld zur Sprache bringt und der Scham überwindet. Ein Tag der Erinnerung, der die verwundeten Füße und Seelen auf einen weiten Raum stellt.
Bei Gott jedenfalls findet die Seele ihren Zuspruch. Bei ihm dürfen wir gewiss sein, dass er uns und alle, die darunter leiden, nicht allein lässt. Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt über Johannes 14, 1 (Jahreslosung 2010) zu
Silvester, 31.12.2009, Marktkirche, Neuwied
Jesus Christus spricht:
Euer Herz erschrecke nicht.
Glaubt an Gott und glaubt an mich.
(Johannes 14,1)
Was ist das neue Jahr für Sie , liebe Gemeinde, ein offene Tür, hinter der allerhand Überraschungen warten, hinter der spannende Entwicklungen, ungeahnte Chancen und Herausforderungen vor uns stehen?
Oder tut sich Ihnen mit dem neuen Jahr ein düsterer Horizont auf, voller Unwägbarkeiten und Befürchtungen?
Haben Sie gute Vorsätze gefasst? Oder finden Sie auch, dass gerade damit der Weg zur Hölle gepflastert ist?
„Euer Herz erschrecke nicht!“ Ja, fürwahr zum Erschrecken gab es im letzten Jahr genug Grund. Manche fürchteten um ihre Besitztümer, andere um ihr schieres Überleben. Und so wuchsen im vergangenen Jahr die unterschiedlichsten Ängste und Sorgen , selbst in unseren meist wohlgeordneten Verhältnissen. Zu viele Maulhelden waren unterwegs und entpuppten sich als üble Rattenfänger, die Angst vor Gewalt an unseren Schulen, wenn wir nur an Winnenden denken, wurde bestätigt und auch weltweit beruhigte sich der Terror nicht. Kaum etwas geschah, was uns auf lange Sicht Mut machen konnte. So werden heute nicht wenige Menschen – allen Partys und Feuerwerken zum Trotz - bang in die Zukunft blicken, einige vielleicht sogar mit dem dumpfen Gefühl, von allen guten Geistern verlassen zu sein.
„Euer Herz erschrecke nicht.“ dieser Satz drängt uns gewissermaßen dazu, zu fragen, was uns denn persönlich an der Schwelle dieses neuen Jahres erschreckt und ängstigt: Was wird in den kommenden 12 Monaten geschehen? Was wird geschehen in der Welt der Politik und Wirtschaft, aber eben auch und ganz besonders in unserem eigenen Leben. Welches Leid wartet auf mich? Wird es Zeiten der Trauer geben? Werde ich gesund bleiben?
„Euer Herz erschrecke nicht.“ Wir stehen an der Tür des beginnenden Jahres und fühlen uns wie ein ängstliches Kind. Die Tür ist noch geschlossen, finster und ein wenig unheimlich. Und wir wissen nicht, was dahinter liegt? Helles oder Dunkles? Schönes oder Leid? - Und wir zögern noch, die Tür aufzutun und einzutreten. Denn es ist nicht leicht, das alte Jahr zu verlassen und hinüberzugehen ins unbekannte, neue.
Lassen sie uns das Bild von der Tür aufnehmen und es noch weiter ausmalen. Vielleicht hilft uns das, von allem frei zu werden, was unsere Schritte hemmt und uns das Herz so beklommen macht. Vielleicht kann das unseren Glauben kräftigen, unser Vertrauen stärken und uns Hoffnung schenken, dass wir fröhlich und ohne Angst hinüber treten können ins neue Jahr?
Das Bild, das ich vor Ihre inneren Augen stelle, ist das eines großen Hauses mit vielen Türen und vielen Zimmern, die hinter diesen Türen liegen. Es ist das Bild unseres Lebens, das ich Ihnen male. Wir - jede und jeder von uns - gehen durch dieses Haus mit den vielen Räumen – unser Lebenshaus. Und wir öffnen eine Tür nach der anderen, 60-, 70-, 80- oder gar 90mal tut sich eine neue Tür auf für uns, wenn Gott will. Dann durchschreiten wir die unbekannten Zimmer dahinter. Wir nehmen in uns auf, was jeder Raum an Gutem und Schwerem für uns bereithält. Wir halten uns ein ganzes Jahr in ihm auf und stehen dann, wenn wir alles im Zimmer kennen gelernt und erfahren haben, an einer weiteren Tür.
Heute soll sie sich öffnen, die Tür zum neuen Jahr. Aber wir zögern noch. Was werden wir sehen, wenn sich der Türspalt weitet? Wird der neue Raum Glück und Freude bereithalten? Werden Trauer und Schmerz auf uns warten? Wem werden wir begegnen? Von wem werden wir Abschied nehmen müssen? Und die bedrängendste Frage:
Wird es auf der anderen Seite des Zimmers für uns noch eine weitere Tür geben?
Schauen wir uns, bevor wir die nächste Tür öffnen und über die Schwelle gehen, noch einmal in dem Zimmer um, das wir bald verlassen werden. Es ist gut, wenn man den Blick noch einmal schweifen lässt und das ein oder andere in der Erinnerung einprägt und vielleicht in Gedanken mitnimmt oder geordnet zurücklässt, bevor man weitergeht.
Ganz hinten, auf der anderen Seite des Raums, den wir verlassen wollen, stehen all die guten Vorsätze, die wir vor 12 Monaten gefasst haben. Dies und das wollten wir lassen. Diesen oder jenen wollten wir besuchen. Ja - so war es unser wichtigster Vorsatz - unser ganzes Lebens sollte mehr Tiefe bekommen. - Was ist wahr geworden davon?
Wir hatten vor, mehr aus dem Wort Gottes heraus zu leben, zu denken, zu arbeiten, zu entscheiden ... Wir wollten Gott, endlich bei uns mehr Platz und mehr Bedeutung in unserem Leben einräumen. So wie es ihm ja auch zusteht.
Unseren Eigensinn wollten wir zurückdrängen, unsere ewige Ichsucht. Ein bisschen mehr für andere leben wollten wir, Frucht tragen für die Nächsten.
Was hat sich davon erfüllt? Was hat uns wirklich von diesen Vorsätzen in den vergangenen 365 Tagen bestimmt und begleitet?
Dort drüben, mitten im Licht des Raumes, erkennen wir auch all die frohen Erlebnisse des vergangenen Jahres; die hat es ja auch gegeben. Die gelungenen Stunden, die Freude, das Glück: Die Erfahrungen der Liebe zu einem Menschen, die guten Worte, die wir gewechselt haben, die Hilfe, die uns zuteil wurde, oder der überraschend gute Ausgang einer Sache, die uns erst so viele Sorgen gemacht hat. Die Zusage, die unsere berufliche Zukunft öffnete, das gesunde Kind, der Enkel, der uns geschenkt wurde ...
Dorthin, wo all diese schönen Dinge stehen, schauen wir gern. Das hat uns froh gemacht und unser Herz leicht und frei.. Tage waren das, an denen wir gern gelebt haben und glücklich waren. - Haben wir eigentlich immer für alles gedankt, was wir da empfangen durften? War uns das ein Lob des Gebers aller guten Gaben wert, oder ist uns vieles davon nicht als unser eigenes Verdienst erschienen? Erfolge, die uns doch zustanden, unsere Arbeit, unsere Leistung!
Und wenn es doch anders war bei uns, wo hat uns die Dankbarkeit so bewegt, dass wir dann weitergeschenkt haben, was wir erhalten hatten? Aber hat der Geber aller guten Gaben nicht vielleicht gerade das bei uns erreichen wollen: Dass wir weiterschenken, was er uns gibt? Ja, waren wir ihm das nicht eigentlich schuldig, dem Gott aller Güte, dem Herrn unseres Lebenshauses?
Und da drüben, an diese düstere Wand, da haben wir all die schlimmen und belastenden Erlebnisse des vergangenen Jahres gestellt. Dorthin zu blicken, fällt uns nicht leicht. Da war die schwere Zeit, in der es uns so schlecht ging und wir nicht wussten, wie es weitergehen soll. Es hat uns die Luft abgedrückt und unser Glaube wäre fast dem Zweifel gewichen. Dort sind auch all die bösen Momente des vergangenen Jahres: Die Minuten der Angst, die Stunden der Schwermut, die Augenblicke des Ärgers, des Zorns, der Wut ...
In jedem Raum, den wir bis heute durchmessen haben, blieb auch Schlimmes und Dunkles zurück. Immer war das so. Aber: Wollten wir nicht auch das Schwere aus der Hand Gottes nehmen? Wollten wir nicht alles, was uns widerfährt, vor ihm bedenken, seine Stimme darin hören Und wollten wir nicht alles, was wir erleben, auch im Gebet vor ihm ausbreiten, vor seinem Wort prüfen und darin Hilfe und Weisung empfangen?
Euer Herz erschrecke nicht.“ - Wieder stehen wir an einer neuen Tür und hinter ihr wird es wieder so sein: Wir werden Dinge, Erfahrungen und Erlebnisse vorfinden - wir werden ihnen begegnen müssen, mit ihnen umgehen und mit ihnen fertig werden müssen. Jetzt ist der Augenblick da, dass wir die Tür auftun. Haben wir genug Mut dazu?
„Glaubt an Gott und glaubt an mich“, sagt Jesus. Wir öffnen also die Tür zum neuen Jahr im Glauben und im Vertrauen auf Gott und auf unseren Herrn Jesus Christus. Gewiss, alles was uns begegnen wird, ist noch unbekannt und offen hinter der Schwelle zum Neuen. Nichts ist schon sicher und fest, so dass wir uns darauf verlassen könnten. Nur das eine ist felsenfest und sicher: „Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Der Herr des Hauses, der uns in seiner Güte heute einen neuen Lebensraum öffnet, er will bei allem mit dabei sein! Er bietet uns heute seine Hand zur Begleitung an. Er schenkt uns mit dem neuen Jahr erneut die Chance, seine Wahrheit zu begreifen und gibt unserem Leben einen neuen Anfang.
Alles ist noch offen hinter der Tür. Und es kommt darauf an, was wir mit dem, was wir vorfinden, tun, mit welcher Haltung wir ihm begegnen. Der Glaube an die Güte Gottes, das Vertrauen auf seine Gnade und Geduld werden uns helfen!
Wir haben die Klinke schon in der Hand. Gleich werden wir sie herunterdrücken
365 Tage misst das neue Zimmer, in das wir gleich eintreten werden. An jedem dieser Tage will Gott bei uns sein vom Morgen bis zum Abend. Mit ihm können wir den neuen Raum ganz getrost betreten und durchschreiten. Ihm gehört das ganze Haus. Er hat es uns überlassen für die Jahre unseres Lebens. Es wird an uns liegen, ob wir ihm den Platz darin geben, der ihm zusteht!
Wo er mit uns lebt und arbeitet, da weicht alle Furcht und aller Schrecken. Es ist ein sicheres Gehen an seiner Seite. Und auch die Schuld, die wir immer wieder neu auf uns aufladen, tragen wir nicht allein. Er nimmt sie uns ab, wenn wir ihn darum bitten.
Wenn wir im kommenden Jahr auch dunkle Stunden erfahren müssen, werden wir nicht allein sein. Mit der Hilfe Gottes können wir alles bestehen, was uns erwartet. Und selbst wenn wir aus diesem Haus in ein anderes gehen müssen, Gott verlässt uns nicht. Er begleitet uns und hat das neue Haus, des ewigen Lebens für uns bereitet - durch Jesus Christus, unseren Herrn, der uns heute zusagt: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.
Amen
Predigt zu Titus am Heiligen Abend, 24.12.2009
Marktkirche Neuwied
"Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen" - das ist der Beginn des Bibelwortes aus dem Titusbrief, das für den heutigen Heiligen Abend ausgewählt ist.
"Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen" - doch sie erschien nicht in einem Palast, auch nicht in einem Tempel, nicht in einem Gotteshaus oder an einem sonst ganz besonders heiligen Ort – nein, die heilsame Gnade Gottes, sie ist in einem armseligen Stall, vermutlich in einer Bruchbude erschienen, windig und nicht ganz geruchsneutral.
Die heilsame Gnade Gottes – sie musste dort den Menschen erscheinen, weil ihr sonst kein Raum gegeben wurde. "Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge", heißt es kurz und bündig dazu in der Weihnachtsgeschichte. Nirgends ist in der Bibel von jenen die Rede, die ihre Türen verschlossen hielten für die Geburt Jesu, von den Einwohnern und den Wirten der Herbergen in Bethlehem.
Zum Beispiel der Wirt, bei dem Maria und Josef zuletzt um Unterkunft gebeten haben, von ihm haben wir übrigens eben in unserem Familiengottesdienst erzählt. Er bot Maria und Josef statt einem Zimmer seinen Stall an.
Hätten wir anders gehandelt als er. Hätten wir die heilige Familie freundlich begrüßt und ihnen statt dem Stall ein warmes Bett angeboten. Hätten wir alles auf die Beine gestellt, damit das Jesuskind angemessen aufgenommen würde!
Wäre Jesus bei uns geboren, so glaube ich, wäre es ihm kaum anders ergangen als damals. Denn welchen Platz sind wir heute bereit, dem einzuräumen, in dem die heilsame Gnade Gottes sich zeigt?
Nein, liebe Gemeinde, wir brauchen nicht die Nase zu rümpfen über den Wirt. Denn so manche(r) wird sich selbst in ihm, dem Wirt wieder finden: auch wir können und wollen oft nicht erkennen, wie mir Gottes heilsame Gnade begegnet. Vor lauter Betrieb und Geschäftigkeit, vor lauter Sorge um mich selbst, lassen wir den vor der Tür stehen, in dem Gott zu uns kommen will.
Stellen wir uns einmal vor, der Wirt hätte etwas von dem mitbekommen, was sich in dieser Nacht in seinem Stall zugetragen hat und er wäre – wie wir heute Abend – zur Krippe gekommen, um doch etwas davon mitzubekommen, was sich da dem Hören nach ereignet hat. Ich glaube, unser Wirt hätte etwas gespürt von dieser heilsamen Gnade Gottes, die da erschienen ist in dem kleinen Kind, zu dem er in die Krippe geblickt hätte. Spürbar wäre ihm diese heilsame Gnade geworden, auch wenn er sich zunächst nicht so richtig getraut hätte, weil er sich zu schäbig vorkam. Denn schließlich musste dieses göttliche Kind ja seinetwegen in einem Viehstall zur Welt kommen.
Aber das ist es ja gerade – die heilsame Gnade Gottes, die uns nicht festnagelt auf das, was wir getan oder unterlassen haben. Die heilsame Gnade Gottes: sie fixiert uns nicht auf unsere Selbstbezogenheit und Eigensucht, auf unsere Trägheit oder auch Bosheit. Und genau darum ist sie auch heilsame Gnade!
Die heilsame Gnade Gottes! Erschienen den einfachen Hirten ebenso wie den Weisen. Erschienen den Menschen damals, als der Stern hell den Weg zum Stall wies. Erschienen den jungen Gemeinden, an die sich der Predigttext aus dem Titusbrief wendet. Erschienen seither so vielen Menschen und auch erschienen uns heute, an diesem Heiligen Abend 2009. Die heilsame Gnade Gottes ist zu allen Menschen gekommen, damals wie heute. Darum braucht sich auch niemand zu verstecken, denn allen hat sie sich gezeigt, nicht nur den Frommen und den Rechtschaffenen.
Sie ist erschienen den Liederlichen und den Eigensinnigen, den Säufern und den Schlägern, denen, die rücksichtslos Gewinn machen oder in die eigene Tasche wirtschaften, Sie ist erschienen denen, die der Gier verfallen sind, ebenso wie denen, deren Herz voll Bosheit, Neid und Hass ist.
Der Titusbrief führt eine recht zweifelhafte Gesellschaft von Menschen an, denen die Gnade Gottes erschienen ist. "Allen" Menschen heißt es da ganz pauschal und also sind auch solche Zeitgenossen mit eingeschlossen.
Und wir? Wir können ruhig hinzukommen und uns zu ihnen einreihen, denn wie gesagt: Allen gilt diese heilsame Gnade Gottes. Keiner kann einen anderen von dieser Gnade aussperren und jedem Menschen will sich diese heilsame Gnade zeigen. Auch wenn uns nicht alle sympathisch sein mögen, die da zur Krippe kommen, so heißt das doch umgekehrt, dass wir jedenfalls nicht außen vor bleiben müssen, sondern wir dürfen kommen, wir dürfen staunen, uns berühren und verändern lassen von dieser heilsamen Gnade Gottes. Und wir haben sie nötig diese heilsame Gnade, – mehr denn je nötig in unserer unheilvollen und gnadenlosen Zeit. Denn gnadenlos ist der Umgang in unserer Gesellschaft, aber auch gnadenlos sind wir oft genug zu uns selbst. Sogar in unseren Familien und Freundeskreises ist manches an offener und subtiler Aggression und Gewalt zu spüren, auch wenn wir davon gerade heute nichts wissen wollen.
Gnadenlos ist unsere Zeit geworden: Da ist der Mann mit 55, der mir vor wenigen Tagen begegnet, seit dreißig Jahren in ein und derselben Firma, nun ist er zum Kostenfaktor geworden, wird wegrationalisiert; über kurz oder lang auf Hartz IV gesetzt, denn eine neue Stelle in diesem Alter ist wohl aussichtslos.
Da ist Raphael aus dem Kongo, der bei mir vor einigen Wochen am Samstagabend im Büro sitzt, nur in der Dunkelheit wagt er sich auf die Straße – aus Angst vor Abschiebung und Verfolgung. Jetzt wird er dorthin wieder abgeschoben, denn Gnade können wir uns nicht leisten – wo kämen wir denn hin! Und schon in der Schule gilt, dass so etwas wie Mitleid oder Erbarmen memmenhaft sei und dass Stärke und Coolness allemal mehr wert ist, als Freundlichkeit und Entgegenkommen.
Keiner darf einfach nur so sein, wie er oder sie ist. Jeder muss sich beweisen, sich selbst rechtfertigen und verteidigen. Darum sind wir auch zu uns selbst oft so gnadenlos, können uns nur schwer einen Fehler verzeihen, müssen uns ständig unsere Defizite um die Ohren hauen – weil andere doch so viel toller sind – und wir können oft nur noch schwer zu dem stehen, was wir wirklich sind. Wir müssen uns permanent selbst erschaffen, und genau das macht uns zu schaffen.
Heilsam ist dagegen die Gnade Gottes, die da erscheint. Heilsam schon allein darum, weil die Gnade uns so nimmt, wie wir sind. Sie bestätigt nicht unsere Bosheit und Falschheit, gibt weder Hass noch Lüge recht, aber sie verwirft uns auch nicht, sondern kommt zu uns.
Und in Jesus ist sie greifbar geworden, in ihm können wir sehen, was sich verändert, wenn Menschen Gottes heilsamer Gnade begegnen. Ich denke da an Zachäus, den Zöllner oder an den nervigen Blinden mit Namen Bartimäus, der sich einfach nicht abschütteln ließ.
Prostituierte und Superfromme, Ehebrecher und politische Eiferer, Ausgestoßene und Fremde – alle suchten seine Nähe und durften sich von seiner Nähe verwandeln lassen. Jesus zeigte ihnen und zeigt uns einen anderen Umgang miteinander. Er schenkt uns einen neuen Blick auf unsere Beziehungen, untereinander, zu uns selbst und zu Gott.
Weil er uns nicht bei unseren Schattenseiten behaftet, können wir loskommen von den Anstrengungen, uns selbst zu produzieren, können wir uns frei machen von den Bemühungen zu demonstrieren, wie gut wir doch eigentlich sind, und können heil werden von allen Versuchen, uns selbst zu rechtfertigen. Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes: eben keine neue Forderung, sondern Geschenk! Und was für eines! Ein Geschenk, das uns mit einer ganz besonderen Absicht gegeben wird. Ein Geschenk, das uns sagt: Du bist wichtig und wertvoll trotz all deiner Schattenseiten! Und gerade damit ist es ein Geschenk, das uns frei macht, uns zu verändern.
So könnten wir unsere Geschenke heute Abend ja auch übergeben: Hier, nimm, für dich; einfach so, weil ich dich mag, schenke ich dir das. Weil ich dir eine Freude machen will, weil du so, wie du bist, wertvoll für mich bist. Und vielleicht erinnern wir uns beim Auspacken an das große Geschenk Gottes, das uns heute gegeben wird.
Dieses Geschenk Gottes will uns dazu anleiten, nicht gottvergessen zu leben, sich nach seinen guten Regeln für das Leben auszurichten und sich frei zu machen von allem, was uns gefangen hält. Wir werden auf die Hoffnung verwiesen, dass eines Tages Gottes Maßstäbe für das Leben sich auf der ganzen Erde durchsetzen werden und die heilsame Gnade Gottes alles umfassen wird.
Lassen wir es für heute bei diesem einen Satz! "Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen." Nehmen wir dieses kostbare Geschenk mit nach Hause, in unsere festlich geschmückten Wohnzimmer. Dort dürfen wir es voller Ungeduld auspacken und uns gemeinsam darüber freuen.
Mein Wunsch ist, dass wir es dann nicht gleich wieder beiseitelegen, sondern hinübernehmen in die Zeit nach dem Fest, wenn der Alltag wieder beginnt. Denn vor allem im Alltag ist dieses Geschenk zu gebrauchen: die heilsame Gnade Gottes, die uns heute erschienen ist.
Amen
Predigt über Matthäus 25, 1-13, zum Ewigkeitssonntag
am 22. November 2009, Marktkirche , Neuwied
Liebe Gemeinde,
in diesem Gleichnis geschieht genau das, was wir kennen: drinnen die Guten, draußen die Schlechten. Links die Böcke und rechts die Schafe. Die Sieger oben und die Verlierer unten. Drinnen die Erwählten und draußen die Verworfenen. Die einen im Licht und die im Dunkel sieht man nicht.
Drinnen im Hochzeitshaus tafeln fünf junge Frauen mit dem Bräutigam. Sie lachen und singen, sie speisen festlich und tanzen ausgelassen. Die anderen fünf Frauen, die sich gefreut und mit den fünf gewacht zu haben, aber leider vergaßen, ausreichend Öl zu besorgen, stehen vor der verschlossenen Tür.
So, lb. Gemeinde, ist der Lauf der Welt. Das ist der Alltag, das ist normal. Du bist draußen und bist selber schuld.
Heute sind viele unter uns, die auch vor verschlossenen Türen und im Dunkeln sitzen. Menschen unserer Gemeinde haben wir mit ihnen im vergangenen Jahr beerdigt. Und so sind viele unter uns, für die genau das eben Beschriebene Realität ist. Sie kommen sich vor wie Bestrafte. Drinnen wo es hell und warm ist, da wären sie gern mit dabei. Aber es öffnet keiner wenn sie an die Tür klopfen und gar an ihr rütteln. Vielleicht ist auch der Schlüssel für die Tür zum Leben und zur Freude verloren gegangen. Sie finden ihn nicht. Der Tod eines lieben und nahen Menschen hat ihnen die Tür zugeschlagen. Sie haben Leiden gelindert, Schmerzen mitertragen, getröstet, sind von Arzt zu Arzt gelaufen – und am Ende diese schreckliche Hilflosigkeit. Nichts mehr tun zu können, gar nichts mehr. Ohnmächtig zu sein bei vollem Bewusstsein. Sie haben Tag und Nacht gewacht und dann war alles zu spät. Umsonst. Der Tod hat sie bestraft. Die anderen sind im Licht. Und die im Dunkeln sieht man nicht.
Sehen wir auf das Sterben so müssen wir sagen: Es gibt das zornige Sterben im Aufruhr, das Festhalten des Lebens, die Unfähigkeit loszulassen.
Es gibt das enttäuschte Sterben, in der Klage über das viel zu frühe Ende, über den nicht gefundenen Frieden in der ungestillten Sehnsucht, vor dem Schließen der Augen doch noch den Familienstreit zu beenden. Und es gibt das anonyme Sterben, das so sehr unter uns zunimmt. Menschen von Menschen verlassen. Die Trauerfeier nur noch mit dem Pfarrer und dem Beerdigungsunternehmer allein. Die Beisetzung auf dem grünen Rasen, kein Name, kein Kreuz, keine Erinnerung. Ausgelöschtes Leben. Es nimmt zu, dass die einen drinnen das Fest des Lebens feiern und die anderen draußen vor der Tür bleiben. Und die im Dunkeln sieht man nicht.
Aber es gibt da auch das Sterben mitten in unserem Leben: Die Mutter die vor dem rebellischen Sohn kapituliert, der ihr ihre Opfer an Liebe und Nerven um die Ohren schlägt. Der sich der Fürsorge der Mutter entzieht, die Türe hinter sich zuschlägt und für immer aus dem Haus verschwindet. Der Alkoholiker, der es nicht schafft, trocken zu werden und der die Seinen mit in den Sumpf zieht. Der Ehepartner der sich nicht ändern will und kann und wo dann die Trennung immer wahrscheinlicher wird. Die Opfer der Krieges, die mit Gott hadern, ihn anklagen und ihn als Katastrophengott verfluchen. Sterben mitten in unserem Leben.
Überall das Warten auf Leben und es kommt nicht. Die sehnsuchtsvollen Augen gehen nach drinnen zum Fest des Lebens, wo gelebt und gefeiert, getanzt und gelacht wird. Aber die Türen sind verschlossen und so viele bleiben außen vor.
So geht es im Leben zu. So ist das Leben. Wie in der Geschichte der Hochzeit. Da sitzen die fünf jungen Frauen drinnen und feiern. Und die anderen fünf sind draußen. Sie rütteln an der Türe und kommen nicht rein. Und da soll der Bräutigam gesagt haben: „Ich kenne euch nicht!“
Was ist das für ein Mensch, der so handelt? Vielleicht geht es ihnen wie mir, ich bin irritiert und erschrocken. Ich kenne zwar solche Menschen zur genüge auch in der Kirche. Sie wirken drohend und abweisend. Sie handeln wie Oberlehrer.
Kein Öl in der Lampe? Selber schuld! Das Pensum nicht erfüllt? Note mangelhaft! Es zählen nur die Tüchtigen, die Erfolgreichen, die Leistungsstarken. Den anderen gilt: „Weg mit euch!“ Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wie im Märchen so auch im Leben und leider auch oft in unserer Kirche. Und am Ende des Gleichnisses, so wie Matthäus es erzählt, keine Chance auf Bewährung : „Ich kenne euch nicht.“
Liebe Gemeinde, ich denke, wir kennen einen, der die Geschichte so nicht zu Ende sein lässt, sondern ganz anders weitererzählt. Er ist es, der alles am eigenen Leibe erfuhr, die Zweiteilung, die unbarmherzige Scheidung in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß. Und am Ende war sein Platz auch außerhalb des Lebens, außerhalb der Stadtmauern, auf einem Hügel der Unreinen und der Verbrecher, genannt Golgatha, übersetzt Schädelstätte. Zu ihm, zu Jesus, haben sie dauernd gesagt. „Wir kennen dich nicht!“
Aber er - er arbeitet nicht mit Drohungen, nicht mit Strafen und Verurteilungen. Er ist vielmehr interessiert an den Menschen draußen vor den Türen, er ist interessiert an der
Sehnsucht, er ist interessiert an den Zuspätkommenden, an all denen, die Hunger haben nach und Leben und Freude. Darum erzählt er gegen seine und unsere Erfahrungen die Geschichte so zu Ende.
Plötzlich klopft es an die Tür zum Festsaal. Es geht hoch her im Festsaal. Das Klopfen wird heftiger und lauter. Da wird es plötzlich ganz still im Saal. Die fünf jungen Frauen drinnen sind erschrocken. Sie sehen auf den Bräutigam und bestürmen ihn und sagen: Tu ihnen auf, Herr, Sie gehören doch auch dazu. Wir wollen abgeben, von dem was wir genießen. Wir wollen die Freude teilen. Hier, wo du bist, ist Wärme, Freude, Musik und Lachen für alle. Der Bräutigam lächelt und sagt: Habe ich nicht alle zehn zur Hochzeit eingeladen? Gehören nicht alle dazu ? Und dann steht er selber auf, geht zur Türe, öffnet sie und ruft: „Kommt herzu, ich kenne euch alle, alle mit Namen!“
Zwei Geschichten. Welche der beiden Geschichten ist richtig? Welches Ende soll die Geschichte bei uns haben ? Das bleibt bei beiden Erzählern, Matthäus und Jesus, offen ? Kommt es zum schlechten oder zum guten Ende, zum Ausschluss oder zur Einladung ? Soll Recht oder Gnade walten ? Ewige Trennung oder Dazugehören ? Die Antwort geben wir mit unserem Leben und mit unserem Glauben.
Ich entscheide mich für Jesus. Ich entscheide mich gegen den Satz. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Ich entscheide mich für den, der gesagt hat: „Es gibt kein „Zu spät!“ Ich entscheide mich für den, der gesagt hat: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Zeit des Heils. Für alle ist noch Zeit der Gnade denn die Gnade kennt kein „Zu spät !“ Und mit meinem Leben möchte ich diesem Jesus Antwort geben. Lb. Gemeinde, dieser Jesus ist mehr als nur ein Weltenrichter über die gottlose Welt, und er ist auch kein Scharfmacher gegen die Unfrommen; er ist nicht gegen die zornig Gestorbenen und auch nicht gegen die, die am Leben verzweifelten. Er hat für alle gelebt , er hat alle geliebt und ist für alle gestorben
Er steht an allen Türen unseres Lebens und auch an der letzten Tür und ruft: „ Kommt herein, ich kenne euch alle, ich kenne euch mit Namen!“ Er hat den Tod in sein eigenes Leben hinein genommen und ihn als Auferstandener entmachtet. Er hat gegen den Kältestrom des Lebens und des Todes gelebt und uns alle in die Wärme der Gegenwart Gottes eingeladen. Ihm können wir Antwort geben mit unserem Leben, unserem
Glauben, unserer Aufmerksamkeit und unserer Liebe.
Wir antworten ihm, wenn wir die Trauernden bis in die Zimmer der Verstorbenen begleiten, vielleicht sogar bis an die Kleiderschränke begleiten, deren Türen die Kleidung der Toten noch verschließen. Sie wagen sie oft nicht zu öffnen.
Wir sind als Türöffner zum Leben ausersehen und begabt. Viel mehr als wir oft denken und uns zu trauen. Wir können Schritte mit den Müden, den Geschlagenen, den Zornigen und den Gelähmten gehen und sie sanft aus ihrem Gefängnis der Trauer führen. Vielleicht können wir vom Schatz eigener Trauerer- fahrungen abgeben und in eine versöhnte Trauer aufbrechen
Wann die Stunde versöhnter Trauer kommt, wissen wir nicht. Aber wir können die dunklen Wege mitgehen, so dass wir gemeinsam erleben, dass das Leben keine Irrfahrt, sondern ein Heimweg ist. Wir können uns zusammentun und gemeinsam hören:“ Kommt her, denn ich kenne euch alle, alle mit Namen“
Vielleicht wird dann für den ein oder anderen die Mitte der Nacht zum Anfang eines neuen Tages, vielleicht erhebt sich aus dem Dunkel das Licht, vielleicht weichen dann die Schatten der Angst.
Wir werden gleich die Namen unserer Verstorbenen verlesen und werden es im Vertrauen auf den tun, der uns einlädt und sagt: Kommt herein, ich kenne euch alle, alle mit Namen. Wir werden Kerzen anzünden und sie nahe heran das Licht der Osterkerze, das Licht der Gnade Gottes, stellen. Wir tun das, damit Gottes Licht in die Dunkelheit leuchtet und wir alle zu solchen werden, die seine Einladung zum Leben hören: Kommt her, ich kenne euch alle, alle mit Namen. Amen
Predigt zum Festgottesdienst anlässlich des 125 jährigen Bestehens der Kantorei an der Marktkirche, 28.06.2009
Liebe Festgemeinde!
Liebe Sängerinnen und Sänger der Kantorei und des Neuwieder Konzertchores!
Ich kann nicht singen! Das ist eine Behauptung von der ich denke, dass viele von Ihnen diesen Satz schon gehört haben, wenn sie andere versucht haben, in die Kantorei einzuladen und Thomas Schmidt hat diese Ausrede als Kantor sicherlich auch schon oft gehört.
Ich stelle heute Morgen als Musiklaie eine Gegenbehauptung auf und die lautet: „Singen ist eine Gabe Gottes, die jedem Menschen geschenkt wurde.“
Ich werde versuchen, dies zu beweisen. Wie kommt man eigentlich dazu, zu behaupten: Ich kann nicht singen! Eines ist klar, es ist dies eine Feststellung, die auf Erfahrung basiert. Da ist einem von zu Hause aus, von klein auf gesagt worden, dass man nicht singen könne oder in der Schule mussten die Klassenkameraden den Raum verlassen, wenn man vorsang. Das sind Erfahrungen, die man vielleicht gemacht hat und die sich dann in einem festgesetzt haben.
Und doch möchte ich sie fragen: Was machen sie, wenn sie alleine sind in der Badewanne, in der Küche oder bei sonst irgendeiner Arbeit? Singen Sie, die sie behaupten, sie könnten nicht singen, Singen Sie dann nicht auch?
Aber ich will die Behauptung, man könne nicht singen ernst nehmen, denn derjenige, der das sagt bei dem klingen Trauer, Enttäuschung und Resignation mit an.
Gehen wir deshalb dem Gedanken nach, was Singen eigentlich ist. Nicht alles kann gesungen werden „Im rechtwinkligen Dreieck ist die Summe der Fläche der beiden Kathetenquadrate gleich der Fläche des Hypotenusenquadrates“. So lautet ein Satz aus der Geometrie. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass ein solcher Text gesungen würde. Warum eigentlich? Die Antwort ist ganz einfach: Ein Mensch kann keine Informationen singen. Ein Mensch singt, wenn ihm etwas auf dem Herzen liegt. Die Engel, bei der Geburt Jesu, wir haben es soeben noch einmal gehört, sie sangen, weil ihnen etwas auf dem Herzen lag, wenn man dies überhaupt von Engeln sagen kann. Die Engel sangen vor Freude, sie sangen vor Freude, dass der Retter der Welt, dass Gott, für uns da ist.
Vielleicht haben wir Menschen es von den Engeln der Weihnachtsgeschichte gelernt, dass man singt, wenn einem etwas auf dem Herzen liegt. Das aber ist nicht immer nur Freude und nicht immer nur Dank, wie bei der Geburt Jesu. Das ist nicht immer nur dankbarer Jubel, wie in einem Liebeslied. Singen, liebe Gemeinde, das kann auch der Ausdruck von Klage sein.
Die Trauer,zum Beispiel, lässt einen über den Schmerz, über die Lücke, die der Tod gerissen hat, in einem Lied das Klagen anstimmen
Es liegt einem etwas auf dem Herzen, was man nur durch Singen ausdrücken kann, weil das einfach Gesagte zu wenig ausdrückt, von dem, was man fühlt. Und dann singt man auch, wenn man Angst hat. Die Psalmen in unserer Bibel sind übrigens dafür ein gutes Beispiel. Viele von ihnen sind Lieder, die gesungen wurden in extremen angstvollen und hoffnungslosen Lebenssituationen. Lieder werden dann zu einem Mutgesang, in dem ich das, was mir auf dem Herzen liegt, aus mir heraus singen kann.
In einem Lied und im Singen kann ich also Gefühle ausdrücken, die ich gar nicht oder nur schwer sagen kann. und das braucht jeder Mensch. Wir müssen unserem Herzen Luft machen können und das geschieht im Singen. Dabei kommt es nicht auf den richtigen Ton und auch nicht zuallererst auf den Text an. Es kommt allein darauf an, dass das Singen seinen Zweck erfüllt. Dieser Zweck ist die Freude, den Jubel aus dem Herzen heraus zulassen. Es ist die Suche nach Trost und das Aussprechen der Klage. Der Zweck des Singens ist auch die Angst zu überwinden und wieder neuen Mut zu finden.
Odä – so heißt das griechische Wort für Singen und Gesang. Es beinhaltet noch eine andere wichtige Funktion des Gesanges – danach ist Singen auch die Weitergabe von etwas. Es ist mir etwas ins Herz gegeben und ich bin Träger einer Botschaft und die muss ich los werden, sonst breche ich an ihr entzwei. Der, der diese Botschaft ins Herz legt, das ist Gott, so drückt es das griechische Wort aus. Und somit bin ich, wenn ich singe, Träger einer göttlichen Botschaft. Auch dabei kommt es wieder nicht auf den richtigen Text und den richtigen Ton an, sondern es kommt darauf an, dass ich es weitergebe und das kann jeder, ja, das muss sogar jeder tun. Singen wir darum, um den Überschuss an Freude und Trauer, den uns Gott ins Herz legte, weiterzugeben. Diesen Überschuss hat jede und jeder unter uns. Denn Singen ist eine Gabe Gottes, die wir alle haben.
Gesang ist aber nicht nur die Weitergabe einer göttlichen Botschaft. Singen bewirkt auch immer Gemeinschaft. Die ältesten Lieder in unserer Kirche waren nicht für den Sologesang bestimmt, sie waren vielmehr zum Singen im Gottesdienst und zum Singen in der Gemeinschaft entstanden. Als Sängerinnen und Sänger im Gottesdienst oder in einem Chor leben wir Gemeinschaft. Und Gemeinschaft ist nur da, wo man eines Herzens und eines Sinnes ist. Genau das sollte beim Singen so sein. Wenn man gemeinsam singt, dann hat man keine Möglichkeit zu schreien oder zu brüllen, oder sich Fedeworte an den Kopf zu werfen und zu kommandieren. Wenn gemeinsamer Gesang zum Gebrüll oder Kampfgeschrei wird, dann hat man einen wichtigen Punkt des Singens vergessen. Singen dient dem Frieden – Singen fördert den Frieden, denn man ist ein Leib und eine Gemeinschaft. Singen in Gemeinschaft kann man nur, wenn man wirklich dazu breit ist. Ansonsten geht das nicht.
Heute sind viele aktive und ehemalige Sängerinnen und Sänger unter uns, die in den letzten Jahrzehnten in der Kantorei der Marktkirche oder im Konzertchor mitgesungen haben. Sie alle haben aus ihrer Gabe eine Aufgabe gemacht Sie können nicht nur singen, sie finden auch den richtigen Ton, der ihnen empfohlen wird. So haben über viele Generationen auch in der Kantorei der Marktkirche Sängerinnen und Sänger etwas weiter gegeben von dem Frieden, den die Engel damals bei der Geburt Jesu verkündigten Sie alle können es und konnten es immer wieder, in dem sie von Freunde und Liebe, von Trauer und Klage, von Angst und Mut gesungen haben Sie haben die göttliche Botschaft für die Zuhörenden in menschlicher Weise weitergegeben. So haben Sie sich in die Reihe der göttlichen Botschafter gestellt, die etwas von Gottes Frieden aus ihrem Herzen quellen lassen.
Das Jubiläum unseres Chores ist sicherlich Anlass genug, dafür zu danken, Gott zu danken, für all die vielen Menschen, die sich in der 125 jährigen Geschichte des Chores als Botschafter, vom Frieden Gottes zu singen in Dienst haben nehmen lassen
Es ist Anlass, Gott zu danken, dass er uns alle als Menschen und nicht als Roboter geschaffen hat. Danken wir Gott, dass wir Gefühle haben und einen Überschuss davon, den wir mit Singen ausdrücken können. Danken wir Gott, für die Gabe, Trauer und Freude, Angst und Sorge im Lied
auszudrücken. Die Engel auf den Feldern sangen: Ehre sei Höhe und Friede auf Erden!“ Ich wünsche allen die fernerhin in unserer Kantorei mitsingen, dass sie Freude haben am Singen und durch ihr Singen beitragen zur Verkündigung des Friedens in dieser Welt und dass es immer zum Lobe Gottes geschehe: Ehre sei Gott in Höhe!
Amen
Predigt zu Matthäus 17, 1-9 zum letzten Sonntag nach
Epiphanias, 01.02.2009, Marktkirche Neuwied
Es gibt Momente, die vergisst man nicht. Es gibt Momente da kann man nur staunen. Mir ging das im letzten Jahr bei meiner Wandertour so. Nach unsäglichen Mühen und nach anstrengend sechsstündigen Aufstieg der Gipfel der Zugspitze – erreicht Ein Staunen beim Anblick der Berge und natürlich auch ein Moment der Selbstbestätigung - geschafft.
So muss das wohl auch den drei Jüngern ergangen sein bei ihrer Bergbesteigung mit Jesus, von der uns unser heutiger Predigttext berichtet: Wir hören aus:
Text: Matthäus. 17, 1-9
Es ist schon eine sonderbare Erscheinung, die den dreien da oben auf dem Berg widerfährt. Jesus – im göttlichen Lichterglanz – umrahmt von den zwei Säulen des alten Testamentes von Mose und von Elia. Dazu die Stimme Gottes. Gott so vor Augen und so vor Ohren zu haben, dem Himmel so nahe zu sein wie die Jünger – es gibt wohl keine tiefere Glaubenserfahrungen in unserem Leben.
Aber - lassen Sie uns erst einmal mit den Jüngern mitgehen. Es geht bergauf. Jesus führt drei seiner Jünger auf einen hohen Berg „nach sechs Tagen“. Heraus aus dem Tal und heraus aus dem Alltag, hinauf zum Gipfel und zum Sonntagserlebnis – eben nach sechs Tagen. Und in der Tat, es wird für die Jünger zu einem Festtag. Können sie das nachempfinden, wie das ist, wenn man nach den Strapazen endlich oben angekommen ist? Die Aussicht – die Ruhe- die klare Sicht. So richtig durchatmen zu dürfen und bis an den Horizont zu sehen. Endlich - für eine kurze Zeit über den Dingen stehen, von oben, gleichsam von außen – die Dinge betrachten und die Ängste und die Alltagssorgen im Tal zurücklassen. Die Nase über den Berg der Arbeit hinausstecken. Hier oben auf dem Berg ist die Sicht der Dinge klar und vieles da unten wird für ein paar Momente klein. Was für ein Perspektivwechsel !
Das sind wahre Gipfelerlebnisse, Höhepunkte in unserem Leben. Es ist dann so, als ob wir dem Himmel ein Stück näher kommen. Und in solchen Momenten könnten wir vor lauter Glück, Gott und die Welt umarmen.
Neben Jesus erscheinen Mose und Elia Und das ist kein Zufall, liebe Gemeinde, dass es gerade diese beiden sind. Auch sie haben beide ihr Bergerlebnis gehabt. Mose empfing auf dem Berg Sinai die zehn Gebote, die Gebote des Lebens. Und so wie Mose einst die Israeliten aus der Knechtschaft und Unterdrückung geführt hat, so befreien auch uns solche Glaubenserlebnisse vom ständigen Druck der täglichen Sorgen. Und Elia, der vor der Königin Isebel flüchtet, weil er ihre Baalspriester umgebracht, flieht in die Wüste an den Fuß des Berges, hier wird er von Engeln Gottes wieder auf die Spur gesetzt und ins Leben zurückgeholt – zwei Menschen also mit außergewöhnlichen Bergerlebnissen.
Petrus fällt in diesem Moment nichts anderes ein, als das er Hütten bauen will. Er will diesen Glücksmoment diesen unglaublichen Augenblick festhalten und deshalb da bleiben. Doch das geht nicht, liebe Gemeinde. Solche Momente kann man nicht festhalten und konservieren. Mir wird das immer wieder auf den Kirchentagen klar. Und wer schon einmal auf dem Kirchentag war, kann das vielleicht nachvollziehen. In diesem Jahr wird es ja vielleicht wieder ähnlich sein in Bremen. Da gibt es die enthusiastische Stimmung, die singenden U – Bahnen, solche religiösen Höhepunkte sind für viele gut, aber sie lassen sich nicht festhalten und sie lassen sich auch nicht mitnehmen in unsere Gemeinden. Solche Erlebnisse sind nicht von Dauer. Und doch brauchen wir sie. Statt Hütten zu bauen, verweist Gott auf Jesus. Denn während Petrus noch redet, überschattet sie eine lichte Wolke und eine Stimme aus der Wolke sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören.“ Nicht bei Gott da oben also sollen wir unsere Hütten bauen. Wir leben ja nicht im Himmel, sondern er selbst will bei uns einziehen in unsere Herzen. Nicht wir sollen in den Himmel abheben und dort Luftschlösser bauen, nein er will zu uns herunter- kommen, auf den Boden der Tatsachen. Hier auf der Erde finden unsere Gipfelerlebnisse statt. Bei uns im ganz normalen alltäglichen Leben Und das geschieht, wenn wir auf seinen Sohn hören.
Und das erste, was Jesus nun sagt, und worauf wir hören sollen, ist: Steht auf und fürchtet euch nicht !“ In diesem einen Satz ist das ganze Programm Gottes, sein Evangelium zusammengefasst und angesagt. „Fürchtet euch nicht!“, das ist die Weihnachtsbotschaft, „Und steht auf !“ Ist das nicht ein Vorgeschmack, ein Ausblick auf Ostern. Auferstehung bereits mitten im Leben. Weihnachten und Ostern sind hier in einem Satz zusammengefasst. „Steht auf und fürchtet euch nicht !“ Jesus wird nicht müde, dies den Menschen immer wieder zusagen und sie aufzurichten und ihnen die Furcht zu nehmen. Einem Menschen, wie zum Beispiel Petrus, der einst voller Angst und Schrecken meinte, nichts wert zu sein und sich nichts zu zutrauen Jesus ruft ihn an: „Fürchte dich nicht, ich will dich zum Menschenfischer machen.“
„Steh auf!“, sagt Jesus zu dem Lahmen, dem niemand mehr zutraut, das er je eigene Schritte in seinem Leben gehen kann. „Und er stand auf, nahm sein Bett und ging.“ Auferstehung bereits mitten im Leben. „Steht auf und fürchtet euch nicht!“!
Steht auf und fürchtet euch nicht! Das gilt besonders wenn es nun wieder bergab geht zurück ins Tal, zurück in den Alltag Die Bibel ist realistisch genug, zu wissen, dass ein Sonntagsausflug für die Seele nicht von Dauer ist. Wir leben nicht nur sonntags sondern tagtäglich, alltäglich Die Luft auf dem Berg ist auf Dauer zu dünn zum Leben Im Tal findet unser Leben statt und dort sind unsere Hütten und Häuser. Und so müssen wir wieder hinunter vom Berg, hinunter in den Alltag, denn zwischen Weihnachten und Ostern liegt nicht nur aber auch das Tal der Passionszeit Doch wir gehen nicht allein. Jesus bleibt nicht oben, er geht mit hinunter in unser Tal, denn es ist ja auch sein Tal. Ja mehr noch: er durchleidet dieses Tal mit uns zusammen. Er begleitet uns dort, wo es für uns nicht gut ist zu sein, nämlich dort wo wir leiden und Angst vor dem Alltag haben. Sein Wort können wir auch hier unten hören: „Steh auf und fürchte dich nicht !“ Lass dich nicht von deiner Angst überwältigen, vertraue darauf, dass Gott dir nahe ist. Jesus will uns damit stärken, Kraft geben für die eigenen schweren Stunden. Das Bergerlebnis , das die Jünger erfahren haben, gibt ihnen die Kraft und die Energie, alles dran zu setzen, dieses Licht auch ins düstere Tal mitzunehmen und dort hineinleuchten zu lassen. Und so werden die Jünger selbst zum Licht für ihre Mitmenschen. So wirken sie für andere wie ein Fenster, durch das sehr viel Licht Gottes auf diese Erde fällt.
Merkwürdig scheint noch einmal der Satz am Schluss der Geschichte: „Und Jesus gebot ihnen und sprach: Ihr sollt niemandem davon sagen bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.“ Wer hätte die Jünger auch wirklich verstanden hier auf der Erde, im Tal, wenn sie davon erzählt hätten, dass sie den Himmel erlebt hatten. Gott kommt es nicht darauf an, dass wir solche Erscheinungen vorweisen können. Allein, dass wir seine Botschaft hören und dass wir erfahren, dass dort, wo wir die Angst verlieren und aufrecht leben können, ein Stück Himmel auf Erden geschieht und wir ihm dort begegnen, das ist ihm wichtig.
Bei einem Besuch erzählte mir letzthin jemand sein Kriegserlebnis. In den letzten Tagen des 2.Weltkrieges war er in einem Hinterhalt geraten und hörte um sich nur noch das Knattern der Maschinengewehre - eine schier aussichtslose Situation. Und dann sagte er: „Wissen Sie wie da überhaupt lebend durchgekommen bin, das lag nicht in meiner Hand, da hat mich jemand geführt, ja da hat mich Gott an die Hand genommen. Seitdem habe ich eigentlich erst gelernt, was Gottvertrauen bedeutet. Was dieser Mann erlebt hatte, war sein Bergerlebnis mitten im Tal der Angst und der Verzweiflung. Natürlich nannte er es nicht so. aber in der Sache war es genau das. Diese Erfahrungen hat ihn dann in vielen anderen Lebenssituationen später durchgetragen.
Nun hat nicht jeder so ein Bergerlebnis, liebe Gemeinde, Und was ist mit denen, fragen wir, die solch eine Erfahrung nicht gemacht haben. Es gibt sicherlich viele, für die ist es anders verlaufen ist Sie können ihr Vertrauen nicht so einfach auf Gott nicht an bestimmten Situationen, geschweige denn an bestimmten Orten und Zeiten festmachen. Sie sind einfach mit christlichen Werten aufgewachsen, wie das halt so üblich ist, vieles haben sie sich angeeignet, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die 10 Gebote und so manche biblische Geschichte, vieles haben sie vielleicht jahrelang davon nicht verstanden, vieles vielleicht auch abgelehnt. Aber irgendwie haben sie dann gemerkt, dass an allem etwas dran ist, das sie trägt und aufrichtet und ihnen die Angst im Leben nimmt. Das „Steh auf und fürchte dich nicht“ platzte nicht plötzlich in ihr Leben, aber es wuchs in ihnen und wächst hoffentlich auch weiter in uns allen ganz gleich wie wir mit diesem Gott in Berührung kommen oder vielleicht noch mit ihm in Berührung kommen werden. Denn diese Worte des Himmels können wir schon jetzt und hier auf Erden hören: Steh auf und fürchte dich nicht ! Amen
Predigt zu Lukas 18,27 (Jahreslosung) am 31. Dezember 2008
in der Marktkirche , Neuwied
Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät? Erinnern Sie sich noch, liebe Gemeinde, Paulchen Panther der rosarote Panther hat das Lied gesungen, damals als ich noch ein Kind war und Zeichentrickserien liebte. Dieses Lied markierte das Ende der Sendung und es vertröstete mich auf ein nächstes Mal.
„Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder keine Frage.“ Na Gott sei Dank, habe ich damals gedacht.
Und es hat funktioniert, ich konnte mitsingen und ich war froh, dass es ein nächstes Mal gab. Die Zeit war gestaltet und strukturiert und ein Spannungsbogen bis zur nächsten Woche gesetzt.
Die Leichtigkeit des Seins auch und gerade im Umgang mit der Zeit, so wie wir das vielleicht in Kindheit und Jugend erlebt haben, sie ist mir und uns abhanden gekommen. Ob das wohl das Alter macht oder ob es daran liegt, dass unser Leben mehr und mehr von der Diktatur der Uhren gezeichnet ist. Die Zeit vergeht wie im Fluge und kommt es uns nicht so vor, als ob wir gerade Silvester 2007 gefeiert hätten.
Da ist es gut, dass wir im Tempo der Zeiten und an der Schwelle zu einem neuen Jahr innehalten können und uns einem Wort der Bibel öffnen.
„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“. So lautet die Jahreslosung für das Jahr 2009. Wie ein Rätselwort kommt uns diese Losung entgegen. Jesus selbst hat diesen Satz gesagt. So jedenfalls lässt es sich im Lukasevangelium nachlesen, Vorausgegangen ist diesem Satz eine Begegnungsgeschichte. Jesus trifft auf einem jungen Mann, der reich ist und viele Güter hat. Dieser war auf Jesus zugegangen und hatte ihn gefragt: "Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?" Ein Mensch war er also, der sich durchaus Gedanken machte über sein Leben, über Sinn und Ziel des Lebens und nicht zuletzt über das ewige Leben. Jesus erinnert ihn zunächst an die Zehn Gebote, die Regeln für ein gutes Leben und Zusammenleben; er sagt: "Du kennst die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren."
Die Gebote bilden die Grundlage dafür, dass unser Leben gelingen kann, aber sie sind nicht alles. Denn als der reiche Mann beteuert, dass er die Gebote von Jugend auf gehalten hat, da spricht Jesus zu ihm: "Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach." Das Halten der Regeln ist das eine, die Haltung der Hingabe aber noch mehr. Doch darauf kommt es an, sagt Jesus: Alles, allen Besitz, das ganze Leben in den Dienst der Nachfolge stellen.
Als der reiche Mann sich daraufhin traurig abwendet, sagt Jesus: "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme." Das ist so eindeutig, dass es fast zum Sprichwort geworden ist. Selbst bei uns, wo es keine Kamele gibt, steht einem das Bild klar vor Augen: Dass ein Kamel durch die kleine Öffnung einer Nadel geht - unmöglich! Entsprechend wird auch die Reaktion damals gewesen sein: Entsetzte Blicke, und Fragen: Wer kann dann selig werden? Aber daran hatten sie wohl nicht gedacht, dass das Unmögliche nicht unmöglich ist bei Gott. Jesus sagt es ihnen: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich."
Was bei den Menschen unmöglich ist ... - da muss ich am Ende eines alten und Anfang eines neuen Jahres als Erstes an die vielen guten Vorsätze denken. Gehören Sie auch zu denen, die solche guten Vorsätze für das neue Jahr haben? Viele nehmen sich vor, im neuen Jahr auch in ihrem Leben etwas neu zu gestalten und schlechte Gewohnheiten zu unterlassen. "Das ist meine letzte Zigarette am Silvester- abend, ab morgen rauche ich nicht mehr", verspricht einer, und der zweite nimmt sich vor, weniger zu trinken. Mehr Zeit für die Kinder, mehr Sport oder weniger Fernsehen - unsere Vorsätze sind vielfältig. Es begegnen mir jedoch auch andere, die sagen: "Gute Vorsätze gibt es bei mir nicht mehr. Ich halte das ja doch nicht ein." Und das ist richtig: die meisten guten Vorsätze sind nach wenigen Tagen oder spätestens nach ein paar Wochen längst vergessen.
Wahrscheinlich ist es realistisch, auf gute Vorsätze zu verzichten. In den meisten Fällen ist es nämlich unmöglich, den guten Vorsatz einzuhalten oder gar durchzuhalten. Was bei den Menschen unmöglich ist ...
Ich finde es eigentlich schade, wenn man sich nichts Neues vornimmt für das neue Jahr. Es geht dann einfach so weiter, wie es im vergangenen war. Nichts Neues, es bleibt beim alten Trott. Kein Versuch, etwas anders zu machen, wahrscheinlich auch keine großen Erwartungen an das neue Jahr, keine Hoffnungen, Wünsche, Träume.
Doch: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Das klingt für mich wie eine Einladung, es doch wenigstens zu probieren. Nicht alles beim Alten zu lassen. Den Jahreswechsel als eine gute Chance zu sehen, Neues zuzulassen. Nicht aus eigener Kraft, aber im Vertrauen auf Gott kann das Unmögliche möglich werden, kann das neue Jahr wirklich Neues bringen.
So wird der Jahreswechsel zur Chance, das eigene Leben im Vertrauen auf Gott neu werden zu lassen. Nicht nur eine neue Zahl zu schreiben, sondern wirklich Neues anzu- fangen. Im Wiederholen der Jahreslosung kann ich mich fragen: Was kann neu werden in meinem Leben in diesem Jahr?
Was bei den Menschen unmöglich ist ... - das ragt weit über das private Leben hinaus. Für Menschen unmöglich - so lassen sich derzeit fast alle Versuche charakterisieren, unsere Welt besser zu gestalten. Die Politik erscheint zunehmend hilflos gegenüber den Herausforderungen unserer Zeit. Wegen des Klimawandels ist im vergangenen Jahr sehr viel über alternative Energien gesprochen worden. Doch sogleich gerät Biosprit in Verruf, den Hunger auf der Welt zu vergrößern; und an der Atomkraft scheiden sich weiterhin die Geister. Es wird viel geredet, aber es tut sich fast nichts
Nicht viel anders ist es mit den großen Reformvorhaben. Sei es die Bildungspolitik, sei es die Gesundheitsreform oder die Diskussion um den Mindestlohn: Gute Ansätze werden in der Debatte zerrieben, und am Ende gibt es kaum spürbare Veränderungen. Ganz zu schweigen von den großen weltweiten Herausforderungen: Das Wachsen der Weltbevölkerung, Hunger und Katastrophen, der Unfriede und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen.
Für Menschen unmöglich - das scheint unsere hoffnungs-lose Lage zu sein.
Was heißt es da, auf Gott zu vertrauen, bei dem das Unmögliche möglich ist? Vaclav Havel, der Schriftsteller und langjährige Präsident Tschechiens, hat einmal gesagt: "Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Politik ist nicht die Kunst des Möglichen, sondern des Unmöglichen." Vielleicht ist es ja wirklich so: Die so genannte Realpolitik hat keine Chance mehr, Veränderung kann nur noch so geschehen, dass man versucht, das Unmögliche zu realisieren.
Erinnern wir uns, 2009 ist der große Umbruch im Osten 20 Jahre her. Ich kann mich noch gut daran erinnern: Der Fall der Mauer, die Öffnung der Grenzen, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und die Umgestaltung des früheren Ostblocks - was 1989 möglich wurde, hatte ich wie viele andere für unmöglich gehalten. Von diesen Erfahrungen ist auch die Einstellung Vaclav Havels geprägt, dass Politik die Kunst des Unmöglichen ist. Solche Veränderungen kann man nicht herbeizwingen, aber nur mit dem Unmöglichen haben wir eine Chance für die Zukunft. Gut, wenn man dabei auf Gott vertrauen kann.
„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“. Als Jahreslosung ist dieses Wort ein paradoxer Wegweiser, es zeigt einen unmöglichen Weg. Das Mögliche ist zu wenig für das neue Jahr, das Unmögliche aber kann ich nicht machen. Es kann mir nur geschenkt werden.
Aber Gott traut uns zu, diesen unmöglichen Weg zu gehen. Er traut uns zu, dass Neues geschehen kann, weil das Unmögliche bei ihm möglich ist. Im Rückblick weiß ich auch, dass das geht. Ich nehme an, Sie kennen es auch: Da gab es Situationen in meinem Leben, da habe ich gedacht: Das schaffe ich nie. Das halte ich nicht durch. Doch dann war die Kraft dafür da. Gott hat das Unmögliche möglich gemacht. Mit solchem Gottvertrauen können wir in das neue Jahr gehen. Gott traut es uns zu.
Was wollen Sie tun, wenn das Unmögliche sich realisieren lässt im neuen Jahr? Ich nehme an, einigen macht der Ge- danke Angst. Bevor alles neu wird, belassen es viele doch lieber beim Alten. Andere stecken vielleicht voller Ideen und Tatendrang, wollen gleich die Ärmel hochkrempeln und alles neu machen.
So wünsche ich es uns: Dass wir im neuen Jahr alles von Gott erwarten. Jeder der 365 Tage ist ein Geschenk an uns, voll großer oder kleiner Wunder und Überraschungen. Wenn wir dafür offen sind, kann das Unmögliche geschehen, und die Losung kann uns zur Verheißung werden: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich." So sei es.
Gottesdienst am Heiligen Abend 2008
Begrüßung:
Das Unbeträchtliche wieder betrachten,
dem hilflos Kleinen eine Chance geben,
das Unscheinbare leuchten lassen,
dem Machtlosen die Stärke ansehen
das Niedrige hochachten
und an die Veränderung glauben
Das ist Weihnachten - damals und heute
Ich begrüße Sie zum Gottesdienst am Heiligen Abend in der Marktkirche und ich lade sie ein in dieser Stunde nach dem zu fragen , was die Mitte des Festes ist, das wir heute feiern und was Weihnachten für uns bedeutet.
Dies wollen wir tun im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen.
Eingangswort:
Vertraut sind uns manche Worte, die wir heute Abend hören und wir hören sie gern, immer wieder. Jedes Jahr bringen sie uns die gute Nachricht, jedes brauchen wir sie, um uns zurecht zu finden und zur Ruhe zu kommen.
So lassen Sie uns die alten Worte hören, aber auch neues darin entdecken, denn Gottes Wort ist lebendig und macht uns lebendig.
Gebet
Wir kommen zu dir, Gott
an diesem Heiligen Abend.
Erschöpft von den Anstrengungen der letzten Wochen,
müde von den Vorbereitungen des Tages
und gespannt auf das, was dieser Abend uns bringt.
Wir bitten dich, Gott
lass uns jetzt zur Ruhe kommen,
dass wir loslassen können,
was uns eben noch beschäftigt hat.
Schenke uns Gelassenheit.
Führe zu einem guten Ende, was wir begonnen haben.
Lass uns aufmerksam werden,
dass wir deine vertraute Botschaft wieder neu hören können.
Und das wahr wird, was du verheißen hast:
Frieden
in unseren Herzen
in unseren Häusern
in unserem Land und überall auf der Erde.
Durch Jesus Christus deinen Sohn
und durch deinen Heiligen Geist. Amen
Lesung aus dem Alten Testament
Die Propheten, die Menschen, denen der Weitblick von Gott geschenkt wurde, so dass sie über ihren Horizont schauen konnten haben ihre Hoffnung und ihre Erwartung in Worte gefasst:
So schreibt der Prophet Jesaja:
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande scheint es hell.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder- Rat ; Gott-Held, Ewig - Vater Friedefürst auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er es stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth
Und im Propheten Micha heißt es:
Und du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.
Predigt zu Lukas, 2, 1-14 zum Heiligen Abend ,
24.12. 2008, Marktkirche Neuwied
1. Diese Geschichte ist nicht unbedeutend
Stellen Sie sich das Ganze bitte nicht zu klein und nicht zu harmlos vor. Dies große Ensemble: die Engel, der Glanz Gottes, der Chor der himmlischen Heerscharen. Was uns der Evangelist Lukas da erzählt, das ist gigantisch. Vielleicht würden wir heute sagen: Ganz großes Kino ist das. Der Himmel geht auf, ein Gottesbote erscheint, strahlendes, blendendes Licht mitten in der Nacht. Wer nicht weiß, wie die Sache ausgeht, könnte meinen, das ist das Ende: ein Weltuntergangsszenario. Und erst, als alle schon vor Angst vergehen, erst dann kommt die Stimme: "Fürchtet euch nicht!"
Nein, liebe Gemeinde, man darf sich diese Szene wirklich nicht zu klein und nicht zu harmlos vorstellen. Was uns Lukas hier eher kurz und knapp erzählt, das ist immerhin jener Moment, in dem aus seiner Sicht das Schicksal der Welt eine radikale Wendung nimmt. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wird einer kleinen Schar von Hirten offenbart, was kurz zuvor in aller Stille in einem Haus in der Nähe vor sich gegangen ist: ein Kind wurde geboren. Nein, nicht ein Kind - das Kind wurde geboren. Das Kind, das alle Macht der Welt beanspruchen darf; das Kind, das Namen erhält, die alles andere überragen: Retter - Christus - Gesalbter - Herr.
Das sind Herrschernamen, Namen, die eigentlich den Mächtigen dieser Welt vorbehalten sind. "Der Herr", das ist der Kaiser, niemand sonst. Doch damit ist jetzt Schluss. "Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen". Haben Sie die Worte Marias noch im Ohr? Jetzt ist es soweit, jetzt ist der Moment gekommen. Von einer Minute zur anderen ist nichts mehr, wie es war. In einem hinteren Winkel der damals bekannten Welt nimmt etwas Neues seinen Anfang. Vom Glanz Gottes und vom Chor der himmlischen Heerscharen begleitet. Nein, ich stelle mir die Nacht der Hirten wahrlich nicht als Nacht der leisen Töne vor.
2. Die Nacht der Hirten –
das ist die Nacht der guten Nachricht. Die Nacht der frohen Botschaft. Die Nacht der Freude. Für den Evangelisten Lukas heißt das auch: die Nacht des Glaubens. In dieser Nacht scheint etwas auf, und die Sehnsucht der Menschen bekommt eine Gestalt. Etwas, das in den Herzen wartet, kommt ans Licht, kommt ins Licht. Von dem, auf den alle hoffen, berichtet der Engel. Es ist die Nacht des Glaubens, denn es wird ja zuerst dort hell, wo der Engel die frohe Botschaft verkündet. Nicht das Geschehen im Stall von Bethlehem erstrahlt als erstes, sondern das Wort, das von Gott kommt, ist vom Glanz umgeben. Das eigentliche Ereignis, der Ort der Geburt, der Futtertrog, Maria, Josef und das Kind - das alles bleibt erst einmal noch im Dunkel. Die Hirten werden vielmehr auf die Engelsrede hin, auf dieses eine Wort hin, werden sie aufbrechen und nach dem Zeichen suchen, das der Engel ihnen genannt hat. Auf das Wort hin. Sie müssen aufbrechen, sie wagen Zutrauen , und sie bringen das Wort und das Zeichen zusammen – das ist Glaube und darum ist diese Nacht zuerst eine Nacht des Glaubens.
Die Hirten hören dieses Wort stellvertretend für alle. Der Auftritt des Engels wird sich nicht wiederholen. Ein für alle Mal ist kundgetan, was soeben geschehen ist: "Euch ist heute der Heiland geboren." Es liegt an ihnen, den Hirten, diese Nachricht zu verbreiten. Für das ganze Volk soll diese Freude sein, alle sollen daran teilhaben, die ganze Welt. Wird man den Hirten Gehör schenken? Können sie selber es überhaupt fassen? Vor allem aber: Wo ist dieses Kind?
3. Dem Wort folgt das Zeichen –
Dem Wort folgt das Zeichen, aber was für ein Zeichen! Windeln und ein Futtertrog! Ja, mein Gott, als ob nicht Dutzende Kinder in Betlehem in Windeln gewickelt sind. Und wenn denn wirklich alle Häuser überbelegt sind wegen der Volkszählung, dann wird vielleicht nicht nur ein Kind an zweckentfremdeter Stelle abgelegt sein. Sie werden ganz schön suchen müssen, die Hirten. Windeln und Futtertrog, das sind nun nicht gerade Zeichen der Königswürde, aber es sind die Zeichen der Menschlichkeit.
Daran ist dem Erzähler Lukas vor allem gelegen, das möchte er deutlich machen: Ihr, die Ihr keine Kaiser und Könige seid, Ihr, die Ihr nicht zu den Mächtigen zählt, Ihr seid jetzt gemeint. "Euch ist heute der Heiland geboren!" Das ist kein Gerede, das ist ernst gemeint. Und weil dieser Retter keiner von denen "da oben" ist, darum werden Windeln und Futtertrog zum Zeichen, darum gibt es eine Hausgeburt und keine Niederkunft im Königspalast. Der Retter, der Messias, der Christus - er ist wirklich unten angekommen.
4.Von der Krippe zum Kreuz
Aus dem Futtertrog ist später dank Martin Luther die Krippe geworden. Und so lässt sich sprachlich schön formulieren: von der Krippe ans Kreuz. Denn zwischen diesen beiden, zwischen Krippe und Kreuz nämlich, wird sich das irdische Leben dieses Kindes, wird das Leben Jesu aufgespannt sein. Was unten beginnt, wird auch ganz unten enden - und hier am Anfang wie dort am Ende erscheint Gott in der Gestalt des Menschen. Kannst du das fassen? "Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht" singen wir in einem Adventslied Können wir das fassen? Das hat die Welt bis dahin nicht gesehen. Was die Welt kennt, ist etwas anderes. Dass Gott redet zu den Propheten, dass Gott unsichtbar im Allerheiligsten des Tempels wohnt - das kannten die Menschen. Gott ist unnahbar und man muss ihm opfern - das wussten die Menschen. Doch ein Gott, der sich so zeigt, der im Dunkel zur Welt kommt, der im Dunkel der Welt wohnt, ein Gott, der am Ende selbst das Opfer ist - all das ist eigentlich ungeheuerlich. Das gab es bisher nicht. Windeln und Futtertrog, Krippe und Kreuz, Gott in der Gestalt des Menschen. Mit dem Verstand kaum zu begreifen, aber mit Händen zu fassen.
Jesus ist kein Geist, keine Lichtgestalt, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut wie wir. Man kann, man darf ihn anfassen, und er wird sich im Laufe seines Lebens berühren lassen von Menschen, und er wird Menschen berühren, und sie werden gesund werden. All das wird geschehen, und die Menschen werden es sehen und weitererzählen. Gott in der Gestalt des Menschen. Ja, sogar in seinem tiefsten und schrecklichsten Moment, im Tod am Kreuz, werden Menschen dies sehen und sagen: Wahrlich das ist Gottes Sohn ! Gott selbst in der Gestalt des Menschen.
5. Der Nacht der Hirten folgt ein neuer Tag.
Und diesem Tag eine neue Nacht. Und der Lauf der Welt setzt sich fort. Noch gibt es Leid und Schuld, noch sind nicht alle Tränen abgewischt, noch hat der Tod Macht. Viele der folgenden Tage werden grau sein, und viele der folgenden Nächte werden dunkel bleiben. Und doch ist die Welt seit jener Nacht nicht mehr dieselbe Welt. Der Glanz auf dem Hirtenfeld ist nicht mehr rückgängig zu machen, er bleibt. Als habe in jener Nacht die Erde einen Kuss bekommen, der für die Ewigkeit reicht.
Seit diesem Moment zählen wir die Tage und Jahre anders. Christi Geburt ist der Wendepunkt - es gibt ein Vorher und ein Seitdem. Seitdem finden Glanz und Jubel Platz in den Herzen der Menschen. Wenigstens einmal im Jahr. Wenigstens einmal im Jahr soll uns kein Dunkel halten. Denn es ist doch schon geschehen: Euch ist der Heiland geboren, der Retter
Darum nehmen wir uns einen Moment Zeit, und suchen wir uns einen Platz an der Seite der Hirten. Fürchte auch du dich nicht. Auch für uns geschieht das alles. Auch uns ist eine große Freude angesagt. Auch wir sollen das Zeichen wissen: das Kind, in Windeln gewickelt. Auch für uns liegt es im Futtertrog, auch für uns wird es seinen Weg bis zum Kreuz gehen, auch für uns wird es vom Tod auferstehen. Auch für uns singen die Engel.
Und auch unserer Sehnsucht brauchen wir uns an diesem Abend nicht zu schämen und unsere Hoffnung müssen wir nicht klein. machen. Nicht kleiner jedenfalls als den Glanz und den Jubel, der in dieser Nacht erklingt. Stimmen wir mit ein in den Gesang der himmlischen Heerscharen: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens". Ja, Gott hat Wohlgefallen an uns , an dir und an mir. Du und ich, wir gefallen Gott - das dürfen wir so hören und darauf bauen, und darum einstimmen. Er hat ein Wohlgefallen an uns trotz allem.
Es ist auch unsere Nacht, diese heilige Nacht. Es ist unsere Nacht, in der wir Wort und Zeichen zusammen bringen können. Es ist unsere Nacht, in der unsere Hoffnung neue Nahrung finden soll. Stellen wir uns also an die Seite der Hirten, gehen wir mit ihnen und wir werden entdecken und finden, dass Gott nicht fern im Himmel ist, sondern ganz nah bei dir und bei mir. Und wir werden finden, was uns leben lässt. Amen
Fürbittengebet
Gott, Freund der Menschen,
zu dir kommen wir mit unseren Bitten;
vor dir legen wir ab, was uns berührt, bewegt und beschwert.
Wir bitten dich für die Familien, die in diesen Tagen miteinander feiern:
Schenke ihnen fröhliche Stunden der Begegnung untereinander, offene Ohren und Herzen und offene Worte füreinander.
Wir bitten dich für die, die viel allein sind in diesen Tagen: Sei du bei ihnen mit deiner Freundlichkeit, stärke und tröste sie.
Wir bitten dich für die, die nicht abschalten können,
die vom Ehrgeiz Getriebenen und von Leistungsdenken beherrscht sind:
Dass sie ausatmen können in deiner Nähe und die Wärme deiner Barmherzigkeit erfahren.
Wir bitten dich schließlich für uns alle als deine Gemeinde:
Lass uns im Herzen bewahren,
was du uns geschenkt hast mit dem Kind im Stall,
damit wir ein Licht der Liebe hinaustragen in die Welt.
Sei mit uns, du freundlicher Gott.
Liebe Gemeinde,
Ich weiß nicht wer oder was Sie heute morgen geweckt hat. Vielleicht ein lieber Mensch, der zärtlich seine Hand nach Ihnen ausgestreckt hat und sie sanft ans Aufstehen erinnert hat oder hat Sie das harte Läuten des Weckers aus dem Schlaf gerissen.
Ich weiß auch nicht, ob Sie eine geruhsame Nacht hatten oder ob etwas Sie nicht schlafen ließ.
Immerhin sind Sie aufgestanden und zur Kirche gekommen.
Heute ist Sonntag, der Tag des Herrn. „Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte." So steht’s in der Bibel in der Schöpfungsgeschichte. Und weil Gott an diesem Tag nicht gearbeitet hat, haben auch wir heute frei, können ausschlafen oder zur Kirche gehen.
Mich freut, dass Gott sich gleich am Anfang der Bibel eine Pause gegönnt hat und damit den Feiertag erfunden hat. Seitdem liegt ein besonderer Segen auf diesem Tag. Der Sonntag ist sozusagen Geschenk an die Menschen.
Trotzdem ist er uns in letzter Zeit mehr und mehr verloren gegangen. Wir könnten uns die Ruhe nicht mehr leisten, wird uns gesagt. Es ginge nicht, dass die Arbeit am Sonntag ruhe und die Bänder stillstünden. Zu einer modernen Dienstleistungsgesellschaft gehöre es dazu, dass wir auch am Sonntag einkaufen könnten. Und schließlich ginge es ja nicht nur um’s Einkaufen an sich, sondern um das Erlebnis Shopping. Einkaufen als Freizeitangebot, als Sonntagserlebnis.
„24 Stunden am Tag geöffnet, 7 Tage die Woche,“ so sieht man es inzwischen in vielen Städten. Rund um die Uhr kann man und soll man einkaufen. Das Ladenschlussgesetz ist immer weiter ausgehöhlt worden. 6 Tage in der Woche reichen nicht. Der Tag des Herrn wird zum Tag paradiesischen Einkaufens.
Als Predigttext hören wir heute eine Geschichte von Jesus, in der es genau um dieses Thema geht. Jesus spaziert am Sabbat mit seinem Jüngern durch die Landschaft.
Das war damals gar nicht so einfach. Fromme Menschen hatten sich vorgenommen, Sorge zu tragen für dieses Geschenk des Feiertags. Sie wollten diesen Tag der Ruhe hüten, wollten einen Zaun darum machen, wie um einen schönen Garten, der geschützt sein soll.
Lange haben sie überlegt: was ist eigentlich Arbeit. Was ist am Sabbat erlaubt und wodurch wird der Schöpfungsfriede gestört. Manchmal aber, schossen sie bei ihren Überlegungen, dabei über das Ziel hinaus. Am Ende aber hatten sie einen genauen Plan, was am Sabbat erlaubt war und was nicht
Beispielsweise durfte man am Sabbat nur eine bestimmte Anzahl an Schritten gehen, nichts arbeiten und auch keine Hausarbeit verrichten.
Und nun geht Jesus spazieren. Und seine Jünger tun etwas, was den Zorn der damaligen Frommen erst recht erregt. Wie Kinder rupfen sie Getreidehalme aus. Das ist Ernte und damit Arbeit. Doch hören wir, was Markus berichtet:
Text: Markus 2, 23 -28
Liebe Gemeinde, ein Streit um die Heiligung des Feiertages. Dabei wollen beide, Jesus und die Pharisäer, dass der Feiertag geschützt bleibt. Und beide sind sich einig. Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht umgekehrt
Ich bin sicher: Jesus und seine Jünger wollten das 3. Gebot, das Geschenk der Sonntagsruhe, gar nicht übertreten. Jesus hat sich sehr genau an die Gebote gehalten. Er stört sich vielmehr an dem Zaun, an diesen Regeln um das Gebot herum. Jesus meint der tiefere Sinn des 3. Gebotes sei nicht damit schon erfüllt, dass man am Sabbat einfach nicht arbeitet. Nein, das Geschenk des Feiertags ist viel wertvoller, als die Verpackung, in die die frommen Pharisäer es gewickelt haben. Denn Gott ist nicht ein Gott der Verbote, sondern ein Gott des Lebens und der Lebensfreude. Jesus will uns den Sonntag neu schenken als Tag für uns und für Gott.
Ich erinnere mich, wie ich einmal im Religionsunterricht die 7 Schöpfungstage malen ließ. Die Gruppe, die den siebten Tag zu malen hatte, hatte Gott in einem Liegestuhl gemalt unter blauem Himmel und einer großen gelben Sonne. Direkt neben dem Liegestuhl waren ein Swimmingpool, eine Cola mit Eis und eine Stereoanlage und das Skateboard parkte unter dem Liegestuhl. Die Kinder hatten an alles gedacht, was ihnen Spaß machen würde an einem Ruhetag.
Klar, dass das Arbeiten und das Einkaufen nicht vorkam.
Überhaupt hat dieser Zwang zum Einkaufen mit einem unbestimmten Hunger zu tun. Den kennen wir vielleicht auch. Dann esse ich – meist mehr als mir gut tut, oder ich trinke oder ich kaufe ein und merke dann: das alles war’s nicht. Ich habe da meine inneren Organe verwechselt. Es ist die Seele, die Hunger hat, nicht der Bauch. Und meine Seele braucht Liebe, braucht ein Gespräch, braucht Auslüftung. Sie will den Alltag draußen verlassen, sich in den Garten legen, will ihre Flügel ausbreiten und sich über den Alltag erheben.
Das gehört zum Ruhetag, zum Sonntag. Und noch etwas gehört zum Sonntag: In der Bibel steht noch. Und Gott sah alles an, was er geschaffen hatte und siehe es war sehr gut.“ Der Sonntag hat ein Gütesiegel.
Jeder Sonntag verspricht uns neu. Du darfst jetzt mal aufhören zu arbeiten, du darfst zufrieden sein und zur Ruhe kommen, auch wenn bei dir nicht alles sehr gut ist, wie bei Gott, und die Arbeit noch nicht fertig ist. Du kannst es dir leisten, jetzt mal etwas für dich zu tun. Lieber eine unfertige Arbeit, als ein fertiger kaputter Mensch!
Der Sonntag hat ein Gütesiegel. Wir alle haben einen Tag geschenkt bekommen, der uns daran erinnern will, dass es viel Gutes und viel Güte in unserem Leben gibt, die wir nicht kaufen können.
Und das Größte: Gott segnete diesen siebten Tag. Von keinem anderen Tag wird das gesagt. Auf dem Ruhetag liegt Gottes Segen. Und dieser Segen will ausgewickelt werden wie ein Geschenk.
Für den gestressten Vater steckt der Segen vielleicht im ausgiebigen Frühstück mit der Familie. Für einen anderen im Gang nach draußen oder im Hören von Musik
Für Sie als Tauffamilie ist es heute ein Festtag und vielleicht für Sie, die Sie heute morgen aufgestanden sind und hierher gekommen sind – ist es der Gottesdienst: die Hinwendung zu Gott, von dem ich so viel Zuwendung erfahre.
Und ich brauche auch die Stille am Sonntagmorgen ohne den üblichen Lärm der Autos. In der Stille steckt ein Hauch vom Schöpfungsmorgen. Ich will nicht, dass der Sonntag im Kaufhaus endet oder im Stau mit kaputten Füßen oder schmerzendem Rücken wie an vielen anderen Tagen.
Wo die Woche einfach weitergeht ohne Pause, da werden wir es bald merken: „Ohne Sonntage gibt‘s nur noch Werktage“
Am Ende sagt Jesus: „So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“ Darin wird deutlich, der Sonntag erschöpft sich nicht darin, einfach nicht zu arbeiten. Freude am Sonntag ist vielmehr als einfaches Nichtstun.
Vielleicht haben wir ja bisher immer gedacht, dass 3. Gebot heiße, man solle nicht arbeiten. Dann müssen wir uns jetzt sagen lassen, dass Jesus mehr für uns will: Der Sonntag soll ein Tag sein, an dem wir Zeit für die Begegnung mit Gott haben. 6 Tage gehört unsere Zeit der Arbeit. Am Sonntag gehören wir Gott und uns. Und Gott ruhte am siebten Tag.
Der Sonntag ist mehr als nur ein Arbeitsverbot. Er hat einen Inhalt und in Jesus Christus seinen Herrn. Sonntags geht es um das Leben. Die frühen Christen haben deshalb den Sabbat auf den Sonntag verlegt, um damit der Auferstehung von den Toten zu gedenken.
Und so will der Sonntag uns einen Vorgeschmack geben von Gottes Ewigkeit. Und glauben Sie mir, es nutzt nichts von dieser schönen Ewigkeit nur zu reden. Es nutzt nichts, sich vertrösten zu lassen, anstatt sich die Zeit, in der wir leben schön zu machen. Wir sollten uns, unsere Tage schön machen. Leben geht manchmal so schnell zu Ende. Lassen Sie uns die Tage geniessen, die Gott uns schenkt. Jeden Sonntag ist uns neu dafür Zeit gegeben.
Amen – und das heißt heute: Feiern wir miteinander einen gesegneten Sonntag, einen Vorgeschmack der Ewigkeit.
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Jakobus 5, 13 -16 zum 19. Sonntag n. Trinitatis
am 22. Okt. 2006
Was finden sie seliger, liebe Gemeinde? Geben oder Nehmen? Wenn man dem bekannten Sprichwort glauben darf, dann ist Geben ja seliger (also besser) als Nehmen.Und meiner Beobachtung nach leben die meisten Menschen auch so. Sie fühlen sich wohl, wenn sie die Stärkeren sind, wenn sie geben können und dabei sind sie dann auch meist noch großzügig.Nun habe ich viel mit Menschen zu tun, die in Situationen geraten sind, in denen sie aufs Nehmen zurückgeworfen sind. Kranke, Leidende, Menschen, denen jemand gestorben ist. Und die erzählen dann auch wirklich oft, dass der Nachbar gesagt hat: „Wenn ich ihnen helfen kann, dann sagen sie doch einfach Bescheid. Und wenn ich sie irgendwo hinfahren soll, melden sie sich nur.“ Wunderbar denke ich dann, es gibt sie also doch noch, die Wärme und Menschlichkeit unter uns. Und was ist dann wohl der nächste Satz der trauernden Witwe: „Ja, aber wissen Sie, was sollte der mir schon helfen und man will ja auch niemandem zur Last fallen. Ich muss jetzt auch mit allem allein fertig werden.“
Liebe Gemeinde,
liebe Katechumenen , liebe Eltern !
Am Eingang zur Kirche haben sie und ihr alle eine Muschel von uns bekommen,. Heute am letzten Ferientag kurz bevor morgen die Schule wieder beginnt, erinnert vielleicht eine solche Muschel den ein oder anderen an die Ferien. An das Meer oder an den Strand an schöne Sonnenuntergänge und an warme und behagliche
Sommerabende
Muscheln erzählen vom Wind und von der Weite des Meeres. Sie erzählen vom Rauschen der Wellen und dem Ruf der Möwen.
Sicherlich hat so mancher unter uns zu Hause Muscheln gesammelt, gesammelt als Erinnerungen an schöne Urlaubstage und an das Meer.
Und vielleicht hilft uns die Muschel heute morgen in unserer Hand noch einmal die Gedanken zurück schwei- fen zu lassen, zurück in den Urlaub
Urlaub - das ist Auszeit vom Alltag, die Seele baumeln lassen. Urlaub, das weckt Sehnsucht danach, dass das Leben unter uns noch viel mehr in sich birgt, als wir im Alltag entdecken können.
Und manchmal macht uns das dann auch ein wenig traurig. Denn dann merken wir, dass im täglichen Leben hier zu Hause so vieles von dieser Sehnsucht einfach verschüttet wird. Dann spüren wir, das kann doch nicht alles gewesen sein. Das tägliche Aufstehen und die Arbeit und abends wieder ins Bett gehen. Das Lernen für morgen ,die Hausaufgaben und der Ärger am Arbeits- platz. Doch wie kann es anders gehen ?
Eine Muschel kann ein Symbol dafür sein, dass wir die Sehnsucht, die wir manchmal im Urlaub spüren, in den Alltag mit hineinnehmen. Dass wir uns nicht damit abfinden, dass das schon alles im Leben war. Und das wir uns immer wieder auf die Suche machen, danach, was das Leben alles an Überraschungen für uns bereit hält.
Die Geschichte, die wir vorhin gehört haben, hat uns von einem Mann erzählt, der auf der Suche danach war. Einem Mann, dem die Sehnsucht nicht ausgegangen war, dass das Leben noch mehr für ihn bereit hält.
Die Geschichte erzählt, dass es ein richtig wohlhabender junger Mann war. Und wir wundern uns vielleicht. Na was will er denn, wenn er sich schon keine Sorgen mehr machen muss, wie er Geld bekommt, dann geht ´s ihm doch schon gut. Was fehlt ihm denn dann noch ?
Wir verfallen ja oft dem Trugschluss, dass alle Probleme aus der Welt geräumt sind, wenn wir nur genügend Geld haben. Oft konzentriert sich unsere ganze Lebenssehnsucht auf das Geld. Die einen spielen Lotto und die anderen bewerben sich bei „Wer wird Millionär?“ Auch Konfirmandinnen und Konfirmanden wird oft vorgeworfen, dass sie die ganze Konfirmanden- zeit nur das Geld im Blick haben, dass es am Schluss bei der Konfirmation endlich geben wird. Ich denke, es ist ein schöner wichtiger Teil, dass es zu diesem Fest Geschenke und auch Geld geben wird. Ihr könnt euch dann etwas leisten, was so nicht drin gewesen wäre. Aber – ganz ehrlich – kann das alles gewesen sein ?
Es wundert mich ein wenig an dem jungen Mann aus unserer Geschichte. Er hat Geld in Fülle. Er hat wohl nie arbeiten müssen. und doch ist er nicht glücklich. Irgendetwas fehlt ihm in seinem Leben.
Die Bibel nennt es das ewige Leben. Es ist nicht damit gemeint, dass er irgendwann später einmal im Himmel landen wird und dort einen Platz bei den Heiligen einnehmen wird, das vielleicht auch. Aber ewiges Leben – das meint Leben in seiner ganzen Fülle.
Ewiges Leben , das ist lieben und geliebt werden. Das ist Freiheit schenken und damit beschenkt werden. Ewiges Leben, das ist tiefes Glück kennen lernen und von ganzem Herzen zu frieden sein. Ich weiß nicht, ob ihr so etwas schon einmal erlebt habt? Einen Moment, in dem ihr ganz glücklich ward. In dem ihr das Gefühl hattet,
jetzt stimmt alles ? Es ist uns leider nicht oft geschenkt und manchmal haben wir vielleicht gar nicht mehr das Gespür für solche Momente.
Ich verstehe gut, dass unser junger Mann danach sucht. Das er unzufrieden ist mit seinem Leben. Ganz ernsthaft betreibt er diese Suche. Er tut alles dafür, was er nur tun kann. Von Jugend auf, so wird erzählt, hält er sich an die Gebote. Alle Achtung, kann ich da nur sagen Wer von uns könnte das schon von sich sagen, dass er alle Gebote hält. Auch wenn wir uns bemühen, schaffen wir es doch nicht, wenigsten mal einige Tage lang die Gebote zu halten. Nicht über eine blöde Mitschülerin lästern. Niemanden Schaden zu zufügen. Wertschätzen, was Eltern alles für einen tun. Es fällt uns oft schwer. Dieser Mann scheint es zu können.
Und Jesus sieht das und er sieht, dass er auf einem guten Weg ist. Jesus sieht ihn an und gewinnt ihn lieb. Vielleicht ist das der Anfang vom ewigen Leben, nach dem der junge Mann sucht. Vielleicht hat er schon da gefunden, was er gesucht hat, ohne es zu merken. Jesus kennt die tiefe Sehnsucht dieses jungen Mannes und die Unzufriedenheit mit seinem Leben. Und er lädt ihn ein zu einen anderen Weg, zu einem anderen Leben. Löse dich von deinem bisherigen Leben, gib alles was du hast weg und geh mit mir, so lädt er ihn ein. Und der junge Mann stellt fest, dass er es nicht kann. Er kann sein Leben nicht aufgeben und seiner Sehnsucht Flügel geben. Er kann nicht aufbrechen und alles hinter sich lassen, was ihm bisher wichtig war. Er hält an seinem bisherigen Leben fest. Und er geht enttäuscht fort.
So wie wir vielleicht nach dem Urlaub wieder in unseren Alltag zurückgekehrt sind, vielleicht ein wenig wehmütig zurückblicken und merken, es war schön, aber im Alltag hat sich nun wenig verändert. Die Sehnsucht, die uns in die Ferne getrieben hat, der wir einige Wochen unseres Lebens Raum gegeben haben, nistet sich nicht in unseren Alltag ein, sondern bleibt außen vor, wenn wir sie nur im Urlaub leben.
Wie wäre es denn, wenn wir es wagen würden auch heute hier der Sehnsucht nach erfülltem Leben Raum zu geben. Wenn wir uns in Schule und Beruf eingestehen würden, dass das Leben noch mehr ist.
Vielleicht würde es uns manchmal zu neuen Perspektiven beflügeln. Und vielleicht würden wir erleben, was Jesus seinen entmutigten Jüngern mit auf den Weg gegeben, dass bei Gott alle Dinge möglich sind
Die Muschel, die wir Euch und Ihnen ausgeteilt haben, kann die Erinnerung daran wachhalten, dass Leben mehr ist als alles was wir haben. Sie kann die Erinnerung an die Unzufriedenheit und Unruhe im Leben des jungen Mannes wachhalten, aber auch ein Symbol für die eigene Suche nach gelungenen Leben sein. Die Muschel ist ja auch ein Zeichen für die Pilgerschaft. Viele Menschen sind seit alters her auf dem Jakobsweg unter dem Zeichen der Muschel ihre Wege gezogen sind, auf der Suche nach dem wahren Leben und nach Gott. So wollen wir uns auch gemeinsam auf diese Suche begeben.
Wenn wir in zwei Wochen gemeinsam zum ersten Mal im Konfirmandenkurs zusammen kommen, dann ist das der Beginn eines Weges, den wir gemeinsam gehen wollen. Gemeinsam unterwegs auf der Suche danach, was unser Leben reicher macht. Ihr werdet bald merken, dass auch wir keine Patentantworten bereit halten. Wir können nur gemeinsam mit euch suchen und fragen und
voneinander lernen. Ihr als Konfirmandinnen und Konfirmanden, eure Eltern und Paten und die Gemeinde, die euch sonntags jeweils in den Gottesdienst einlädt und diesen Weg mit euch geht und auch wir Pfarrer und Mitarbeiter.
Vielleicht kann es uns ja gelingen, ab und zu mit unseren Erfahrungen daran zu rühren, was Leben sein kann. Vielleicht können wir uns gemeinsam auf das Wagnis einlassen, unserer Sehnsucht Raum zu geben.
Amen.
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Jesaja 62, 6-10 zum 10. Sonntag n. Trinitatis
am 20. August 2006, Marktkirche Neuwied
Wachet auf ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne, wach auf du Stadt Jerusalem...“ So haben wir es gerade eben, liebe Gemeinde, gesungen und eigentlich gehört dieses Lied aus unserem Gesangbuch an das Ende des Kirchenjahres. Aber als ich den Predigttext las, fiel es mir sofort ein.
Ein Wächter auf den Zinnen der Stadtmauer. Seine Aufgabe ist es, aufzupassen und bei Gefahr zu warnen, zu rufen oder die Trompete zu blasen. In unserem Lied heißt es weiter. Zion hört die Wächter singen“, ein Nachtwächter der singt? Eher ungewöhnlich.
Als Philipp Nicolai jedoch sein Lied vor gut 400 Jahren gedichtet und vertont hat, da hatte er nicht die Nachtwächter seiner Stadt vor Augen, sondern die biblische Vorlage. Die Wächter bei Jesaja kündigen eine neue Zeit an, deshalb singen sie unermüdlich. Sie werden nicht müde, Gott an seine Versprechen zu erinnern. An das Versprechen, dass er Jerusalem neu aufrichten will, damit es wieder zum Lobpreis werde auf Erden.
Und um seine Hoffnungsworte zu verstärken, hat der Prophet Jesaja Wächter über die zerstörte Stadt eingesetzt. Diese sollen nicht schweigend auf den Zinnen stehen, sondern Tag und Nacht lärmen. Sie sollen Gott keine Ruhe lassen und ihn immer wieder daran erinnern, dass er sein Heil Wirklichkeit werden lässt. Wer sind die Wächter auf den Zinnen ? Die Engel des Herrn, die Propheten oder gar wir die Gläubigen auf Erden ?
Jesaja trat damals in der Zeit nach dem babylonischen Exil auf. Eine Zeit des Aufbruchs war das: Viele Menschen knüpften große Hoffnungen an die Zeit daran. Aber sie waren auch verzagt , denn die alte Heimat, ihre Stadt Jerusalem war zerstört, und auch der Tempel in Jerusalem war niedergerissen und der Wiederaufbau kam nur langsam in Gang. So war es kein Wunder, dass die Stimmung unter den Heimgekehrten trostlos war, ihr Leben war karg und armselig. Sicher - es gab die Verheißungen Gottes, aber genauso notwendig brauchte es jemanden, der diese Hoffnung nährte, der gegen allen Augenschein an der Hoffnung festhielt und der ihre Erfüllung bei Gott einklagte.
Der Prophet beschwört diese Hoffnung. Er beschwört sie gerade in und trotz aller Trostlosigkeit und gegen allen Augenschein und er tut das in dreifacher Weise:
Zuerst durch die Wächter, die über der noch nicht aufgebauten Stadt Jerusalem wachen und die durch ihr beharrliches Gebet und Bitten gegen alle Resignation ankämpfen sollen.
Zweitens. Der Prophet macht den Menschen Hoffnung, dass sich auch die bedrängenden irdischen Verhältnisse ändern werden. Wer sät, sagt er, soll auch ernten dürfen Und wer seinen Weinberg mit Mühen bestellt, darf auch den gekelterten Wein genießen“.
Und die dritte große Verheißung: Diejenigen ,die schon nach Jerusalem heimkehren konnten, werden denen, die noch fern sind und die erst auf die Heimkehr hoffen, den Weg bahnen. Erst wenn alle in Jerusalem angekommen sind, werden alle Heimkehrer zum heiligen Volk und Jerusalem wird zur „Gesuchten“ nicht mehr „verlassenen Stadt“.
So erfüllen die Wächter auf den Zinnen Jerusalems zwei Aufgaben. Sie halten die Hoffnung der Menschen aufrecht und zum anderen erinnern sie Gott an seine Versprechen. Das erste Versprechen, die Hoffnung dass die Menschen wieder nach Jerusalem heimkehren dürfen hat sich erfüllt Die Verschleppten sind zurückgekehrt. Die Erfüllung des anderen Versprechen. Du hast uns versprochen uns von unseren Feinden zu befreien und „das wir in Frieden leben dürfen“ steht aus. Und wer die Wächter auf den Zinnen Jerusalems sind, bleibt offen? Sind es die Zurückgekehrten, die die Worte des Propheten in die Tat umsetzen. Ist eine Schutzwache damit gemeint oder sind es gar himmlische Boten Wir wissen es nicht!
Unser heutiger Predigttext wird in der jüdischen Synagoge jeweils am letzten Sabbat vor dem Neujahrsfest gelesen. Beim Lesen dieses Textes verspürt man die Freude der gottesdienstlichen Gemeinde: Die Freude darüber, Gott hat uns nicht vergessen. Er wird uns hören und uns den Frieden bringen. Auch die dunkelsten Zeiten muss man durchleben und manchmal dauert es Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte bis sich die Lage bessert. Dann ist es gut, wenn es Menschen mit Visionen gibt, die auch in tiefster Not den Glauben an Gott nicht aufgeben, wachsam bleiben und nicht müde werden auf den Zinnen stehend und singend Gott an seine Versprechen erinnern.
Die Hoffnung, das Gott alles zu einem guten Ende bringen wird, verdeutlicht folgende kleine Geschichte.
Während des Russlandfeldzuges kam Napoleon durch ein kleines jüdisches Städtchen. Er drückte den Wunsch aus, die Synagoge zu sehen. Es war zufällig der 9 Aw. der Tag, an dem die Juden der Zerstörung ihres Tempels gedenken. Sie saßen in der Dunkelheit der Synagoge am Fußboden und weinten und beteten. Als Napoleon erklärt wurde, dies geschehe wegen der Zerstörung des Tempels, fragte er: „Wann ist das geschehen ?“. „Vor zweitausend Jahren “, gab man ihm zur Antwort. Darauf erklärte Napoleon: „Ein Volk, das sich an sein Land zweitausend Jahre erinnern kann, wird auch den Weg finden, zurückzukehren.“
Die Verbannten haben 7 Jahrzehnte in Babylon verbracht, bis ein Prophet auftrat, der den Menschen wieder Hoffnung gab. Das Volk wusste inzwischen, dass es an seinem Unglück selbst Schuld hatte, waren doch alle Warnungen vorher von ihnen in den Wind geschlagen worden. Jetzt brauchten sie Hoffnung, die ihnen die Worte des Propheten Jesaja gaben. Er erzählte ihnen von der erneuten Zuwendung Gottes zu seinem Volk, er ermutigte sie, dass sie die Erwählten Gottes seien. Er prophezeite, dass sie nach Jerusalem zurückkämen. Und er behielt Recht; sie konnten zurückkehren. Aber kaum in der gelobten Stadt in noch trostloser Lage, brauchte es eines weiteren Propheten, der die Hoffnung lebendig hielt und der Anweisungen geben musste, wie man sich verhalten sollte, als nicht alles so glatt lief, wie erhofft. Damit das Volk nicht wieder in die alten Fehler zurückfällt, sind die Wächter notwendig, sie sollen die Hoffnung aufrechterhalten und Gott an seine Verheißungen erinnern., bis sie erfüllt sind.
In der gelobten Stadt, in der sich dann aber alle Völker treffen werden, können sich die Zurückgekehrten aber nicht einfach ausruhen. Sie müssen anpacken, um den Weg frei zu machen für die anderen, die Fernen und Völker, die noch kommen werden. damit die Vision von der erlösten Stadt, dem Reich Gottes eintreten kann, werden sie aufgefordert: „Bereitet dem Volk den Weg.!“
Damit alle Heimkehrer bequem und leichten Weges in die Stadt einziehen können, sollen ihnen alle Steine aus dem Weg geräumt werden. Die Straßen sollen eben und gerade sein Und die Stadt Jerusalem hat ihre Tore weit geöffnet, damit alle einziehen können. Alles was bislang im Argen lag, was das Leben beschwerte und die Freude behinderte ist aus dem Weg geräumt und überwunden.
Und zuletzt soll die Stadt Jerusalem von ihren Bewohnern gelobt werden. Die Stadt, die so oft in der Geschichte Schauplatz von blutigen Kämpfen, von Zerstörung und Gottesferne war, sie wird zur aufgerichteten und nimmer verlassenen Stadt. Wenn alle Menschen, Männer und Frauen, Junge und Alte zu einer Einheit im Glauben werden, dann kann Gottes Reich in seiner Stadt anbrechen. Dann sind alle daheim und in der Stadt Jerusalem, der Tochter Zion, wird mit recht gesagt: „Siehe dein Heil kommt.“
Es war der Traum des Propheten Jesaja, dass eines Tages alle zerstreuten und verbannten Juden so nach Jerusalem zurückkämen. Jahrhunderte später griff Jesus diesen Traum auf. In seiner Vision sollen die Menschen aus allen Völkern, Juden und Heiden, zur Stadt Gottes strömen. Alle gemeinsam werden sie dann zu Tische sitzen und es wird nichts Trennendes mehr geben.
Ich komme noch einmal an den Anfang zurück. „Wachet auf ruft uns die Stimme “, so lautet das Lied und in der dritten Strophe schildert Philipp Nicolai die Schönheit der Stadt Jerusalem im Reiche Gottes, wenn sich alle Verheißungen Gottes erfüllt haben werden und die Menschen eingehen in das himmlische Jerusalem. Wenn diese Verheißung eingetroffen ist, dann sind keine Wächter mehr notwendig, die Tag und Nacht vor Gott singen. Dann dürfen alle Menschen vereint, den Lobpreis Gottes anstimmen: „Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat je gehört., solche Freude; des jauchzen wir und singen dir das Hallelujah für und für“. Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Jeremia 1, 4-10 zum 9. Sonntag nach Trinitatis,
am 13. August 2006, Marktkirche Neuwied
das Leben ist kompliziert. Und es verlangt immer mehr von uns und wer sich heute zurecht finden will, muss sich informieren, muss sich absprechen, muss Entscheidungen treffen und Wagnisse eingehen. Aber - er muss auch immer damit rechnen, dass das Leben dann doch anders verläuft, als man es sich so sehr gewünscht hätte.
Das Leben heute ist nicht mehr einfach. Und eine Orientierung, wo und wie es gehen kann, hätten wir alle gerne. Manchmal hätten wir gerne einen Blick von oben auf die Dinge des Lebens, um zu sehen, wie sich alles zueinander verhält und ordnet. Das würde uns sicherlich oft helfen. Oder auch eine Stimme, die uns ruft, die uns wachrüttelt und die uns anspricht, die uns sagt, was wir brauchen, die uns aus unserer Lethargie befreit und die uns ermutigt, neue Wege zu gehen. So eine Stimme wäre sicherlich eine Hilfe in unklaren Zeiten. Jeremia hat sie damals gehört diese Stimme.
Ich lese aus dem Buch des Propheten Jeremia
Jeremia. 1, 4- 10
Glauben sie bitte nicht, es gäbe eine solche Stimme heute nicht mehr. Bekommen wir nicht genügend Angebote, die uns sagen, wie wir zurechtkommen können. Gibt es nicht genügend Orientierungsangebote, die uns sagen, wer wir sind und was wir tun können, um das Leben zu meistern.
„Du bist Deutschland“ so wird uns seit Monaten in einer breit angelegten Werbekampagne suggeriert und weiter heißt es da: „Du bist Max Schmeling. Alle sagen, das du keine Chance hast. Keiner aus deiner Familie hat es geschafft zu studieren. Niemand aus deiner Gegend hat jemals ein Geschäft erfolgreich geöffnet Max Schmeling wurde schon vor dem Kampf zum Verlierer erklärt. In der 12 Runde ging sein Gegner k.o. Der einzige, der über deinen Weg entscheidet, bist du. Box dich durch und werde Champion“ Du bist Franz Beckenbauer Du bist Albert Einstein, Du bist Deutschland....“ So der Text der Werbung. Mit 30 Millionen Euro warben die unterschied- lichsten Werbeagenturen fast 5 Monate lang. Dabei wurden sie unterstützt von Prominenten aus Kultur, Sport und Gesellschaft.
Liebe Gemeinde, ich stelle mir vor. Gott hätte so damals mit Jeremia geredet. Du bist Israel. Du bist Abraham. Ich mache aus dir ein großes Volk. Du bist Mose. Ob die Leute dir zu hören, entscheidest du. Du bist Noah. Ob dein Schiff, die Sintflut heil übersteht, liegt an dir. Du entscheidest, ob du dein Ziel erreichst..
Wenn das so einfach wäre, liebe Gemeinde. Wenn jeder der sein könnte, der ihm gerade begehrenswert erscheint. Dann hätten wir während der WM sicher einige Podolsky und Ballacks aus dem Hut gezaubert. Und dann wären wir ohne Frage Weltmeister geworden. Wenn jeder der sein könnte, der er sein wollte, dann gäbe es keine Verlierer mehr. Und die Eltern könnten ihr Geld für Nachhilfestunden sparen, weil ihre Kinder die größten Schultalente sind. Keiner müsste sich mehr Sorgen machen und alle Probleme würden sich in Luft auflösen. Von Arbeitslosigkeit Staatsverschuldung und Umweltkatastrophen könnte keine Rede mehr sein. Und Angela Merkel wäre die glücklichste Frau im Land. Und wenn sie nicht gestorben wären, so lebten sie noch heute. So enden Märchen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Zwischen der „Es – muss – ein – Ruck - durch – Deutschland – gehen – Kampagne“ und der Berufungsgeschichte des Jeremia gibt es doch wesentliche Unterschiede, die von großer Bedeutung sind.
1. Und des Herrn Wort geschah zu mir.
Jeremia spricht nicht zu sich selber. Die Stimme, die Jeremia zum Propheten beruft, kommt von außen. Und nicht durch die Medien, wie bei uns. Eine Stimme, die den Menschen keine Chance lässt zu entkommen. Gott ruft zu Jeremia und nur zu ihm. Vermutlich an einem einsamen Ort in aller Stille, abseits des großen Lärms. Wir wissen es nicht. es wird nicht näher beschrieben. „Und des Herrn Wort geschah zu mir.“ Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erden spricht. Er, dessen Einflussbereich weiterreicht als die sichtbare Welt, er wählt sich aus den Vielen Einen aus. So wie er es immer getan hat. Denken wir nur an Noah, an Abraham oder an Jakob und wie sie alle heißen. Die Linie reicht bis Jesus.
Gott sucht sich seine Menschen aus und nicht umgekehrt.
„Und des Herrn Wort geschah zu mir.“ Und diesem Herrn muss sich Jeremia beugen, ob er will oder nicht. Und wie oft hat ihm dieser Auftrag , Propheten zu sein Missgunst eingebracht. Es ist eine unruhige Zeit im 7 Jahrhundert vor Christus, als Jeremia auftritt und seine Tätigkeit als Sprachrohr Gottes aufnimmt. Sie bringt ihm häufig mehr Ärger als Freunde ein. Oftmals treibt ihn sein Auftrag in die Einsamkeit. Und mit seiner Kritik und seinen dunklen Vorhersagen, die er macht, zieht er sich immer wieder den Zorn seines Volkes zu. Zum Schluss wollen sie sich kurzerhand ihres Kritikers Jeremia entledigen und werfen ihn in einen Brunnen. Nur knapp entgeht er dem Tod. Doch auch jetzt kann er sich nicht sicher sein. er flieht nach Ägypten, wo letztlich auch stirbt.
2. Gott wählt Jeremia aus und er wählt nicht irgendeinen seiner bedeutenden Zeitgenossen aus. Er meint ihn und zwar genau ihn. „Siehe ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen sollst, zerstören und verderben sollst, bauen und pflanzen...“ Gott wählt aus und Gott gibt vor, was zu tun und zu lassen ist. Damit hat das Leben des Propheten seine Bestimmung. Und was Gott mit Jeremia vorhat, verheißt nicht eitel Sonnenschein, nicht Sieg und Triumph, sondern bedeutet Arbeit, Anfeindung, Einsamkeit, Leiden und Grausamkeit.
Prophet zu sein, das ist kein Traumjob, kein Karriereziel. Der Prophet ist mächtig und leidvoll zu gleich. Das Leben anderer zu kritisieren und sie im Namen Gottes zur Besserung zu bewegen, ist keine leichte Aufgabe. Und vor allem keine, nach der man sich sehnt. Darin ähnelt Jeremia den vielen anderen die von Gott berufen wurden: Moses , Jona oder auch Jesus. Bote Gottes zu sein, ist nie leicht. Die Stimme Gottes zu hören und danach zu tun, hat seinen Preis.
3. Jeremia kann bei allem und in allem auf die Unterstützung Gottes hoffen. Gott schenkt ihm eine Zusage und damit kann er schließlich seiner Berufung nachkommen. „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin dir und will dich erretten spricht der Herr.“
Glücklich der Mensch, der seine Begabungen kennt und sie auch ausüben kann. Für Jeremia sieht es gut aus. Sein Beruf ist seine Berufung. Weder hat er lange danach suchen müssen, noch ist ihm der Zugang zu seinem Beruf verwährt geblieben. Er tut, was er am besten kann, was ihm in die Wiege gelegt worden ist, wie man so schön sagt.
Wissen Sie eigentlich, was ihre Berufung ist ? Kennen Sie Ihre Begabungen und setzen Sie diese auch ein ? Kommen Sie in ihrem Beruf zum Tragen und ist Ihr Beruf ihre Berufung ?
Jeremia wusste sich von Gott erkannt. Gott zeigte es ihm, wo es langging. „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete..“ . Ich gehe davon aus, dass gilt auch für uns. Mit den Worten des Psalmbeters möchte ich sagen können: „Gott deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen noch keiner da war.“
Doch wissen wir jetzt, wo es langgeht, was uns Orientierung bietet ?. Woher wissen wir unsere Bestimmung ? Wir sind nicht Jeremia auch nicht Jona oder Moses. Diese alle sind wir nicht. Doch wer sind wir? Wer bin ich ? Und wie erfahre ich, was meine Bestimmung ist ? Das Gott uns begabt hat, das steht für mich außer Frage. Die Frage allerdings lautet: Womit werden wir unseren Begabungen gerecht ? Wie können wir die sein, die wir sind ? Und wenn wir schon Gaben haben, was sind unsere Aufgaben? Was ist unser Pfund, mit dem wir wuchern können ?
„Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.“ Das ist der Schlüsselsatz in unserem heutigen Text. Wir können nicht Max Schmeling, nicht Einstein und auch nicht Beckenbauer sein. Wir können nicht Mose, Jona oder Jeremia sein. Das alles müssen wir auch nicht sein !
Aber es reicht, wenn wir die sind, die wir sein sollen. Es reicht, wenn jeder von uns weiß, was sein Auftrag in dieser Welt ist. Es reicht , wenn wir unsere Bestimmung erfüllen. Wenn wir als die leben, als die Gott uns geschaffen hat. Bei allem, was gilt und darin ähnelt unser Leben dem der großen Vorbilder. Leben gibt es nicht ohne Leiden, ohne Versagen ohne Bitterkeit und ohne Schmerz. Aber wer sich auf Gott und seine Zusage berufen kann: „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir...“ Der ist gut dran. Der hat gute Voraussetzungen durchs Leben zu kommen bei allen Irrungen und Wirrungen. Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Nicht einmal, sondern bestimmt fünfzig Mal habe ich das so gehört. Ich sage dann: „Denken sie doch mal, wie gerne hätte ihr Nachbar etwas für sie getan und wie viel Mut hat er sicher gebraucht, um ihnen etwas anzubieten.“ Helfen sie ihm doch und geben sie ihm etwas Praktisches zu tun.“ Bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass ich viele umgestimmt habe. Das Nehmen scheint nicht nur seliger zu sein, sondern wird möglichst ganz vermieden. Das geht ja inzwischen so weit, dass man manchmal keine Beileidsbekundungen am Grab mehr entgegen nehmen will.
Unser heutiger Predigttext sieht große Möglichkeiten darin, Hilfe anzunehmen, wenn wir in Leid und Krankheit nicht alleine bleiben wollen. Er stammt von einem sonst unbekannten Briefschreiber, der sich selbst Jakobus nennt. Ungefähr an der Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt schreibt er seiner Gemeinde. Sie scheint überwiegend aus einfachen Leuten zu bestehen, aus armen und teilweise verängstigten Menschen.
Sie leben im christlichen Glauben, aber ihre Lebensprobleme unterscheiden sich nicht von denen anderer Leute: Armut, Leid und Krankheit. Ihnen schreibt Jakobus:
Text: Jakobus 5, 13 -16
Ich finde der Jakobusbrief hat eine ganz große Stärke: Sein Autor weiß immer etwas zu tun: „Leidet jemand, der bete , ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen...“. Es gibt also immer eine Handlung, eine Form für die Gefühle und für die Empfindungen. Man kann sich äußern, weil man eine Form dafür hat. Nichts muss im Innern verschüttet bleiben. Man kann anderen zeigen, was los ist.
Wie ist das wohl in der Gemeinde zu Zeiten des Jakobus gewesen. Ich stelle mir vor, da ist jemand krank gewesen. Dann ruft er die Ältesten der Gemeinde zu sich. Wenn er arm war, so schämte er sich nicht seiner ärmlichen Behausung. Die Ältesten der Gemeinde kamen zu ihm und sie überlegten auch nicht lange, was zu tun ist. Sie gehen einfach hin, sie beten und sie salben den Kranken mit Öl im Namen des Herrn. Und der Kranke kann noch so arm und noch so unbedeutend sein. er muss nicht fürchten, dass sein Wunsch zurückgewiesen wird. Mit diesem Besuch wird er als Gemeindeglied gewürdigt
Ein Besuch also, liebe Gemeinde, wird leichter wenn er eine Form hat. Das kann eine Formel sein „Herzliches Beileid“ ist bei uns so ein Rest davon - oder es ist ein Ritual so wie im Jakobusbrief beschrieben. Bei einem Ritual weiß jeder, was er zu tun hat: der eine betet, der andere salbt und einer bringt das Öl mit. Man muss nicht verlegen herumsitzen und auf seine Hände starren. Und bei einem Ritual weiß man auch, was man zu sagen hat . Ganz bestimmte Gebete wurden für eine solche Krankensalbung überliefert und sicher gab es auch einen vorgeformten Satz, mit dem man dem Kranken das Öl aufstrich. Und schließlich gibt es bei einem Ritual nicht nur etwas zu hören, man riecht auch etwas: das Öl, man fühlt die Hand des Salbenden und der Salbende fühlt die Haut des Kranken.
Wortlos wird hier deutlich: Hier ist jemand krank und man muss gar nicht viel darüber reden. Wortlos wird die Krankheit öffentlich, jeder sieht, dass die Gemeinde- ältesten zum Haus des Kranken gehen. Und jeder weiß, was zu tun ist. Die Ältesten kennen das Ritual und der Kranke hat es sicherlich schon einmal bei einem Anderen miterlebt.
Wenn sie nun dieses Bild der Krankensalbung mit den Worten der trauernden Witwe vergleichen, von der ich zu Anfang sprach, dann wird der Unterschied hier ganz deutlich. Die Witwe weiß nicht, worum sie bitten soll. Die Nachbarn wissen nicht, was sie tun könnten. Alle sind voller guter Absichten, aber die können sie nicht äußern. Ihnen fehlt eine Form. Und so bleibt jeder mit sich allein.
Nun können sie sagen, Na ja, der Jakobus lebte vor fast zweitausend Jahren. Das ist doch eine andere und versunkene Welt. Aber das ist sie nicht.
Zum Beispiel von Ostfriesland wird erzählt, das es da noch solche Formen gibt. Wenn jemand stirbt, weiß jeder im Ort was er zu tun hat. Der rechte Nachbar sagt allen Bescheid, der Linke bringt den Kuchen und in manchen Dörfern ist es bis heute selbstverständlich, dass die Nachbarn den Sarg tragen und dass aus jedem Haus mindestens einer zur Beerdigung kommt. Man muss gar nicht überlegen und vorsichtig nachfragen. Aber sie haben schon recht. Es ist insofern eine versunkene Welt als man darin nicht zufällig zusammengewürfelt lebt.. in einem solchem Dorf versteht man sich vielmehr als ein wichtiger Teil des Gemeinwesens.
Also müssen wir gerade dann zu Helfern und Helferinnen werden, wenn wir selbst am Hilflosesten sind und eine Form für unsere Wünsche finden. Was möchte ich denn, das der Nachbar für mich tut. Je konkreter, Je banaler desto besser. „Fahr mich zum Einkaufen!“ oder „Hilf mir im Garten!“ Und der Andere wird froh sein, nicht mit hilflosen Händen zu kommen und wird gern tun, worum ich ihn bitte.
Denn wovon Jakobus vor 2000 Jahren fraglos ausging, das stimmt doch noch immer. Dass wir in einem Gemeinwesen und mehr noch in einer Kirchengemeinde miteinander verbunden sind. Dass es uns natürlich wichtig ist, wie es dem anderen geht. Sonst hätte unsere Frage „Wie geht es ihnen denn heute?“ doch keinen Sinn. Oder dass wir jemand grüßen lassen, dass wir uns umeinander kümmern und dass wir schließlich, und das hoffentlich nicht nur im Gottesdienst, auch füreinander beten.
Darauf stützt sich bei Jakobus alles.
Vielleicht ist uns die Anteilnahme an der Salbungsszene zu romantisch. Eine Gemeinde verbindet aber Menschen, die füreinander und übereinander beten, das hält sie zusammen, weil sie es daran erinnert, wer sie eigentlich zusammenhält: Gott
Nicht das Ritual heilt den Kranken. Auch das Öl macht es nicht. Auch nicht die festgelegten Worte. Gott selbst wird den Kranken aufrichten, schreibt Jakobus. Aber wir tragen bei, was wir können: beten, einander unsere Sünden bekennen, ob Gott vergibt und ob er heilt, das bleibt ihm überlassen.
Liebe Gemeinde, ich lese unseren Predigttext als dringenden Appell, Hilfe anzunehmen. Nehmen seliger zu finden als Geben. Und so will ich die nächste Situation, in der ich ratlos bin nicht mehr mit mir allein abmachen. Auch nicht nur mit Gott., denn er hat mir Menschen an die Stelle gestellt in seiner Gemeinde die ich bitten kann und die mir beistehen können.
Wenn Jakobus Recht hat, wird das mich und eine anderes Gemeindeglied näher zusammen bringen und uns wird deutlich werden, warum Gott uns immer als erstes in eine Gemeinde stellt. Er will uns als Menschen in Beziehungen, nicht als heldenhafte Einzelkämpfer. Und ich und mein Helfer oder meine Helferin werden erleben wie viel Kraft und Hilfe wir einander geben können Unser Gebet füreinander und die praktische Hilfe vermögen viel.
Und schließlich ist mir eine Erfahrung zuteil geworden die ich mit Gott immer wieder machen soll, dass ich angewiesen bin auf den Anderen: Ich werde erleben dass man mich beschenkt, das macht mich nicht kleiner sondern größer: Ich bin einer, für den man betet. Ich bin einer ,der besucht wird, wenn er krank ist. Ich bin einer, der sich Gott zuwendet. Kann man größeres von einem Menschen sagen?
Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Markus 10, 17-27 am 11. Sonntag n. Trinitatis
27. August 2006, zur Begrüßung der neuen Katechumenen
Predigt zu Markus 8, 22-26 zum 12. Sonntag nach Trinitatis
Marktkirche Neuwied
Liebe Gemeinde !
Alle lesen Dan Brown. Ich auch. Bücher wie Illuminati oder Sakrileg stehen schon seit Jahren auf den Bestsellerlisten ganz vorne. Weil sie spannend sind und weil es in den Thrillern von Dan Brown um religiöse Fragen geht, um das, was Christen glauben – und um religiöse Geheimbünde, die das angeblich manipulieren, was wir glauben. Darum geht es in diesen Büchern.
Wird uns seit Ewigkeiten die Wahrheit über Jesus vorenthalten? Hatte er mit Maria Magdalena Kinder? Und ist Jesus vielleicht gar nicht brutal am Kreuz gestorben, sondern alterschwach irgendwo in der Provinz als gewöhnlicher Mensch.
Leserinnen und Leser sind hingerissen. Geheime Gesell- schaften, unterdrückte Wahrheit, absichtlich verborgenes Wissen – das fasziniert uns alle oder zumindest viele von uns.
Und selbst Hollywood hat bei diesen Themen schon zugegriffen, letztes Jahr mit der Verfilmung von Sakrileg und nächstes Jahr soll Illumnati ins Kino kommen.
Was ist davon zu halten, fragen viele. Kann es sein, dass uns die Wahrheit von Kirche vertuscht wird und wir alle belogen werden. Kann das sein, und ist dann unser Glaube Betrug und wir werden blind gemacht. Sind da Mächtige am Werk von denen wir keine Ahnung haben? Geht es da ums Ganze, um eine Weltverschwörung und nicht weniger?
Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Kein Wunder. Denn unsere Welt ist undurchsichtig geworden. Die neuen Bedienungsanleitungen für den DVD Recordern, genauso wie die komplizierte Tarifstruktur der Bahn. Manchmal tappen wir herum, als seien wir blind und durchschauen die Welt nicht mehr und spätestens seit dem 11. Sept. 2001 fragen wir uns immer wieder, ob wir wirklich noch die ganze Wahrheit erfahren und den Durchblick behalten haben
Dafür aber steht doch der Glaube, für Durchblick. Und darum sind wir ja auch heute hier in der Kirche Und Jesus steht doch für diesen Durchblick ein und er sagt: Komm her, ich wasche dir die verklebten Augen sauber.
Markus 8, 22-26
Alle fragen nach Durchblick auch der Blinde von dem unser Text berichtet. Aber er fragt schon gar nicht mehr selbst danach, er muss herangeführt werden, angeleitet – denn allein kann er nicht zu Jesus kommen. Rühr ihn an Jesus, sagen die Leute. Sie sagen nicht, sprich ihn an. Denn Hören kann er ja schließlich noch. Rühr ihn an.. Für einen Blinden muss eine Berührung ein überraschender, ja fast ein beängstigender Moment sein. Aber es scheint als sei er nicht immer blind gewesen. Vielleicht ist es ja seine letzte Möglichkeit aus der Dunkelheit auszusteigen. Dann müsste ihm doch eigentlich der Durchblick willkommen sein. sollte man meinen. Der Blinde von Betsaida müsste froh sein, dass er überhaupt wieder etwas sehen kann, nachdem ihn Jesus einmalig angerührt hat – denn so eine Heilung ist doch wunderbar. Aber es ist ganz anders: Der ehemals Blinde beschwert sich auch noch. Und ich sage mal, die allermeisten von uns würden das auch tun. Vielleicht haben wir auch schon mal die Erfahrung gemacht, dass der Durchblick uns gar nicht so willkommen ist, dass der Durchblick obwohl ich ihn mir wünsche, mich eher verwirrt und ganz viel infrage stellt. Und das der Durchblick sich erst mal anfühlt, als würde ich Menschen wie Bäume sehen. Das Leben ist unscharf – das Neue unbekannt und fremd. Ja, das helle Licht tut weh, das enttarnte Leben könnte mir vielleicht nicht gefallen. Denn durchzublicken, heißt ja auch, sich von dem zu verabschieden, was ich kenne und Neuland zu betreten und sich im Neuland fremd zufühlen. Der Glaube steht für den Durchblick, aber auch dafür, dass ich es aushalte, durchzublicken .
Deshalb würde ich gerne sagen: Nein, Glaube macht nicht blind, sondern Glaube macht sehend. Man muss das Leben nicht enttarnen, denn der Glaube durchschaut das Leben. Das würde ich gerne sagen. Allerdings weiß ich, dass die meisten von uns mit dem Glauben zunächst einmal etwas anderes durchgemacht haben. Viele von uns haben sich als Kinder durch den Glauben belogen gefühlt. Und viele Jugendliche erzählen, in dem Moment wo sie ihren Kinderglauben verloren haben, merkten sie, dass ihr Blick mit dem Glauben in die Welt märchenhaft war.
Gibt es diesen Moment des Durchblicks und wie fühlt sich das an? Der Kinderglaube geht zu Ende und der Durchblick bahnt sich an – aber um welchen Preis? Die Welt ist dann enträtselt, man fühlt sich stolz und erwachsen - aber ein Paradies geht verloren. Man fühlt sich erwachsen, tritt ins Freie und man merkt gleichzeitig, es gibt keinen Weihnachts- mann, keine Engel, Gott wohnt nicht im Himmel und die Bibel ist ein Märchenbuch.
Den Kinderglauben zu verlieren, ist schrecklich, alles steht auf dem Prüfstein und es fühlt sich an, als ob man einer Verschwörung zum Opfer gefallen ist. Alle um mich herum Bescheid wussten, nur ich nicht Alle haben mich belogen und mir den Glauben als ein Hirngespinst aufgezwungen.
Ich finde, dass ist nachvollziehbar, dass Gefühl im Glauben an der Nase herumgeführt zu werden.
Als Erwachsener zu glauben – das muss dann doch anders gehen als mit dem Kinderglauben. Natürlich werde ich auch ohne den Glauben anderswo im Leben als auch Erwachsener an jedem Tag belogen, Politiker, Ärzte und auch Lehrer sagen nicht immer die Wahrheit. Oft aber hatten wir bei unserem Kinderglauben das Gefühl, klein gehalten zu werden und keine klare Sicht zu haben – das macht krank.
Ich möchte mich sicher fühlen können in einem Leben, das oft dunkel und fremd erscheint. Ist es nicht genau das, was die Bibel mit Heilung meint: Nicht mehr fremd sein und tasten müssen, sondern sich sicher zu fühlen.
Heilung als Umwandlung. So heilt Jesus die Menschen. Aber diese Heilung hat einen Preis. Der Preis ist: Du kannst nicht mehr zurück. Du kannst dann nicht mehr zurück, weil du verändert sein wirst. Du kannst nicht mehr so weitermachen, wie du es gewohnt bist, sondern du musst einen anderen Weg gehen
Dem Blinden von Betsaida hat Jesus das ja leider erst gesagt, nachdem er ihn geheilt hatte: „Geh nicht hinein in das Dorf.“ Geh nicht dorthin zurück, wo du einmal hergekommen bist. Wenn Jesus heilt, heißt das: Dieser neue Weg ist erst einmal fremd. Er ist auch nicht schmerzlos und nicht ohne Tränen. Du wirst erschrecken, was du alles sehen wirst und vielleicht wirst du dir selbst fremd sein.
Es ist so. Durchblicken können, das löst nicht alle Probleme. Denn wer geheilt ist, wer durchblickt und die Welt sieht, der erblickt ja nicht unbedingt nur eine heile Welt. Und je klarer jemand sieht, um so deutlicher wird einem werden, wie blind man noch ist. Für mich ist das geheimnisvoll. Wenn man seinen Kinderglauben abgegeben hat, wenn man erwachsen geworden ist, dann weiß man das oder vielmehr man ahnt es: Jesus spricht es nur deutlich aus: Geh nicht zurück. Er scheint uns zu fragen. Wollen wir so glauben?
Wollen wir so glauben – so geheimnisvoll. So ganz ohne Beweise. Zwar will ich, dass mein Leben Sinn hat, aber mich zum Narren halten lassen das will ich nicht und das Denken gebe ich an der Kirchentür auch nicht ab Und zurück zum Kinderglauben will ich natürlich auch nicht.
Aber das ich im Geheimnis sicher aufgehoben bin, das möchte ich. Auch wenn ich den Kinderglauben schon längst hinter mir gelassen habe, werde ich merken, dass es trotz allem Fragen im Glauben gibt auf die ich keine Antwort weiß. Aber ich stehe jetzt nicht mehr außen vor. Ich lebe im Geheimnis und die Fragen sind dann nicht mehr so dunkel für mich. Ihre Dunkelheit ist unerheblich, denn die Dunkelheit selbst ist aufgehoben im Geheimnis Gottes.
Gottes Geheimnis aber ist größer als die dunkle undurchschaubare Welt. Zwar werde ich mit dem Glauben jetzt auch noch nicht immer alles durchschauen, aber ich weiß, dass ich durchschaut werde. Das ist die Hauptsache
Jesus nimmt mich in sein Geheimnis hinein. Dann bin ich Licht, auch wenn die Welt und ihre Wahrheit immer noch dunkel ist . So kann Glaube auch sein. ob ich im Geheimnis leben will, ob ich das aushalten kann – darauf kommt es an. Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Joh. 4, 19 -26 zum 10. Sonntag nach Trinitatis
(Israelsonntag) 12. Aug. 2007, Marktkirche Neuwied
Es ist eher eine Ausnahme, dass ein Gottesdienst im Fernsehen hohe Einschaltquoten erzielt. Am 30. Okt. 2005 war das aber so. Da übertrug das zweite Deutsche Fernsehen den Gottesdienst zur Wiedereinweihung der Frauenkirche in Dresden, und fast drei Millionen Menschen sahen diesem Gottesdienst zu. Auf dem Dresdner Neumarkt vor der Kirche hatten sich noch einmal weitere 60.000 Menschen eingefunden, um das Geschehen unmittelbar vor Ort zu verfolgen. Manche unter ihnen konnten sich noch gut erinnern an die schreckliche Nacht vor sechzig Jahren, als alliierte Bombenangriffe die Stadt binnen kürzester Zeit in Schutt und Asche gelegt hatten. Auch die Frauenkirche hatte dem anschließenden Feuersturm nicht standhalten können. Ihre Ruine war in DDR Zeiten stehen geblieben: Als Mahnmal gegen die Schrecken des Krieges. In Zukunft aber sollte die wiedererrichtete Kirche nun etwas anderes sein, nämlich ein Zeichen der Völkerverständigung und ein Beweis dafür, dass Versöhnung möglich ist.
Was der Bundespräsident Horst Köhler damals bei der Einweihung sagte, sprach sicherlich vielen aus dem Herzen. „Die wiederaufgebaute Frauenkirche verbindet Menschen weltweit. Frieden ist ein Geschenk, für das man aber immer wieder arbeiten muss, und manchmal grenzt das, was Versöhnung bewirken kann, an ein Wunder. Die Dresdner Frauenkirche kann uns Kraft geben, uns gemeinsam und grenzenlos noch stärker für Frieden und Versöhnung einzusetzen.“ So weit das Zitat des Bundespräsidenten.
Auch ich habe den Gottesdienst damals am Bildschirm verfolgt. Und ich empfand es als bewegend, dass gerade eine Kirche auf diese Weise zu einem Symbol der Verständigung geworden ist. Welcher Ort wäre wohl passender und angemessener dafür, dass Menschen sich die Hände reichen, als ein Haus Gottes.
Umso schmerzlicher berührt mich etwas anderes. Oft ist es nämlich leider so, dass sich gerade an Gotteshäusern Hass und Gewalt austoben. Im Dritten Reich waren es die Synagogen, an denen sich öffentlich der Hass der Nazis gegen die Juden entlud. Und in jüngster Zeit ist es immer wieder vorgekommen, dass christliche Kirchen Ziele von Brandanschlägen islamistischer Fanatiker geworden sind. So zum Beispiel auch nach der umstrittenen Papstrede von Benedikt XVI. vor einem Jahr in Regensburg.
Gewaltakte aber gegen Gotteshäuser sind nicht nur eine Erscheinung der Neuzeit. Es hat sie auch vor Jahrtausenden schon gegeben. Zur Zeit Jesu stand auf dem Berg Garizim in der Nähe von Sichem eine Ruine. Sie war der traurige Rest des einst stolzen Tempels der Samaritaner, den der jüdische Hohepriester Hyrkan in fanatischem Hass zerstört hatte. Worum ging es bei diesem Streit damals?
Ich will versuchen, es zu erklären:
Das Land Israel war zu Jesu Lebezeiten aufgeteilt in drei Gebiete: das nördliche Galiliäa um den See Genezareth, die mittlere Landschaft Samarien und das südliche Judäa. Während in Samaria und Judäa fast ausschließlich Juden wohnten, lebte in Samarien eine Mischbevölkerung. Den Juden galten die Samaritaner als unrein. Eheschließungen etwa zwischen Juden und Samaritanern waren verpönt. Zu der ethnischen Spaltung kam eine religiöse Die Samaritaner erkannten nur die fünf Bücher Mose als Heilige Schrift an. und der legitime Ort ihrer Gottesverehrung war für sie nicht der Tempel auf dem Zion in Jerusalem, sondern der Berg Garizim, der Berg an dessen Fuße schon die Erzväter Abraham und Jakob ihre Altäre errichtet hatten und an dem die Gebeine Josefs begraben lagen.
Mit der Zerstörung des Tempels auf dem Garizim hatte der Hohepriester Hyrkan die Samaritaner an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen. Seither war das Verhältnis nahezu eisig. Und wenn ein frommer Jude durch Samarien reiste, was sich manchmal nicht vermeiden ließ, dann tat er das so schnell wie möglich ? Bloß nicht zu lange aufhalten, bloß nicht mit den Samaritanern in Berührung geraten.
Einer unter den Juden wollte diesen Kleinkrieg nicht mitmachen und das war Jesus. Wenn er durch Samarien zog, dann ließ er sich Zeit. ja, dann suchte er ganz bewusst den Kontakt mit der dortigen Bevölkerung. Sogar samaritanischen Frauen gegenüber zeigte er keinerlei Berührungsängste, obwohl die jüdischen Rabbiner lehrten. „Niemand soll sich auf der Straße mit einer Frau unterhalten, nicht einmal mit der eigenen Ehefrau.“ Solche Regeln kümmerten Jesus absolut nicht.
Der Evangelist Johannes erzählt uns von so einer Begegnung zwischen Jesus und einer Samaritanerin. Sie treffen sich um die Mittagszeit in der Nähe des Berges Garizim an einem Brunnen. Die Frau will gerade Wasser holen, da spricht Jesus sie an. Und das Gespräch geht schon bald in die Tiefe, die Frau merkt, dass sie es hier mit einem außergewöhnlichen Menschen zu tun hat. Aber hören wir noch einmal selbst auf den Evangelisten:
Johannes 4, 19 -26
Sichem oder Jerusalem ? Garizim oder der Zion. Jesus lässt sich auf diese Alternative gar nicht erst ein – als wolle er zu der Frau sagen: „Ach, bleib doch nicht hängen an dem alten dummen Streit, der sowieso bald überholt ist Und dann fährt er fort: Eine ganz neue Zeit wird anbrechen und ist schon da, ein Zeit des Heils, in der ihr den Geist Gottes und seine Wirklichkeit spüren werdet wie nie zuvor.
Öffnet eure Augen und eure Ohren, damit euch das Wunder nicht entgeht, und dann gebt Antwort darauf mit euren Herzen und euren Lippen, in dem ihr Gott lobt und für seine Gnade preist.
Und die Samaritanerin ahnt, wovon der Fremde spricht und sie fragt ihn: Sprichst du vom dem Messias?“ Und Jesus nickt und gibt rückhaltlos die ganze Wahrheit preis: Ich selber bin es, ich, der gerade mit dir redet.“
Merken wir, liebe Gemeinde, hier verschieben sich die Perspektiven. Ob der Garizim oder Jerusalem, das ist jetzt gar nicht mehr die Frage. Jetzt geht es nur darum, wie sich die Menschen zu Jesus stellen. Ob sie an ihn glauben oder nicht. Ob sie ihn für den Sohn Gottes halten oder für einen Verführer. „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Die Wahrheit aber ist Christus selbst. Und sein Ruf und seine Einladung geht an alle Menschen, geht an Juden wie Samaritaner gleichermaßen und weit darüber hinaus. Gott ist Geist, das bedeutet eben auch. Er ist nicht der Gott einer Partei, nicht der Gott einer Gruppe oder eines Volkes. Sondern er ist der Gott und der Vater aller und genau so möchte er dann auch gerufen und angebetet werden.
Dazu passt, das Jesus uns das Vaterunser hinterlassen hat. Wie kein anderes Gebet atmet es seinen Geist. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass Juden, Christen und Moslems es problemlos gemeinsamen sprechen könnten ?
Das Vaterunser ist ein besten Sinne ökumenisches Gebet, in dem es Gott einen Namen gibt, in dem wir uns alle wieder finden und einander die Hand reichen können.
Liebe Gemeinde, der Geist Jesu war und ist ein Geist der Freiheit und der Weite. Und wo immer Jesus diese Freiheit bedroht sah, da scheute er übrigens auch die Auseinander- setzung nicht. Denken wir nur an die Streitfälle mit so manchen Pharisäern und Schriftgelehrten. Die wollten Gott für sich allein haben.
Auch heute kennen wir Beispiele dafür, dass Menschen sich gerade in Fragen ihrer Religion engstirnig und borniert gebärden bis hin zu heftigen Angriffen auf Andersdenkende. Unter Juden und Moslems, gibt es solche Leute, aber auch unter uns Christen.
Schade und traurig zugleich, denn Jesus hat uns da etwas anderes gelehrt und etwas anderes vorgelebt.
Von ihm lerne ich: Religion soll Menschen nicht trennen, sondern verbinden. Sie soll Brücken bauen und keine Mauern. Sie soll Versöhnung stiften in einer Welt, die leidet unter allen möglichen Formen von Misstrauen, Abgrenzung und Hass. Sie kann auch in das politische und gesellschaftliche Leben hineinwirken und es verändern. Wo immer Menschen sich zusammenfinden zum gemeinsamen Beten und Singen, da setzen sie Zeichen des Friedens und der Hoffnung.
Ich denke noch einmal an die Frauenkirche in Dresden. Sie steht in einer Stadt, die vor sechzig Jahren wie keine andere Stadt in Deutschland das Grauen des Krieges zu spüren bekam. Sie steht heute in einem Bundesland, in dem Neonazis bei der letzten Landtagswahl mehr als 9 Prozent der Stimmen erhielten und das geprägt ist von sozialen Spannungen und Konflikten. Wie sagte Horst Köhler. Die Frauenkirche kann uns Kraft geben, uns gemeinsam und grenzenlos noch stärker für Frieden und Versöhnung einzusetzen. Und ich füge hinzu: Genau das wäre im Sinne des Jesus von Nazareth. Genau das hat er gewollt. Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Joh. 9, 1-7 am 8. Sonntag nach Trinitatis,
29.07.2007
Es gibt Situationen, in denen begreift man nicht auf Anhieb, worum es eigentlich geht. Da blickt man auf das Vordergründige, auf das, was unmittelbar vor Augen liegt. Da urteilt man nach den üblichen Maßstäben und denkt in gewohnten Bahnen. Das funktioniert ja meistens auch ganz gut. Aber manchmal, zeigt es sich, wie wichtig es sein kann, dass jemand da ist, der einen wachrüttelt und der einen neu anstößt. Manchmal zeigt es sich, dass es gut sein kann, dass einer einem hilft aus den üblichen Denken heraus zu kommen und neu aufzubrechen. Mit frischer Kraft, mit neu gestärkter Einsicht und mit klarem Blick. Nicht nur das Vordergründige sehen, sondern auch dass sehen, was wirklich wichtig ist und hinter den Dingen liegt.
So ähnlich ging es wohl den Jüngern in dem Abschnitt, der uns heute im Johannesevangelium geschildert wird:
Text: Johannes 9, 1-7
Da sitzt ein Blinder. Jesus sieht ihn. Ein Anblick wie er wohl nicht ungewöhnlich war zu Lebzeiten Jesu. Immer wieder saßen Kranke und Hilflose am Wegesrand,um für ihr tägliches Brot um Hilfe zu bitten. Das kennt man. Das überrascht nicht. das ist, wie es immer ist, ganz normaler Alltag.
Und ganz normal, ganz im Rahmen des Gewohnten, scheint auch die Reaktion der Jünger zu sein, als sie den Blinden entdecken. „Meister wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist, so fragen sie und wollen etwas wissen über die näheren Umstände, die zu dieser Blindheit führen. Sie wollen hinter die Krankheit schauen, sie wollen ihre Fragen klären. Was ist die Ursache, wer ist Schuld daran? Während der Blinde da sitzt und auf Hilfe wartet.
Es scheint uns etwas unangemessen zu sein, dass die Jünger nur da stehen und über das Leiden debattieren und doch ist ihre Frage nicht so ungewöhnlich, denn der Gedanke der Vergeltung ist im jüdischen Horizont selbstverständlich. Am Schicksal des Menschen ist seine Frömmigkeit abzulesen, auf Bosheit folgt Schmerz, auf die Sünde folgt das Leiden. Die Frage der Jünger also ist selbstverständlich, sie zeigt aber auch wie tief dieses Denken saß und wie sehr es den Blick auf das Vordergründige bannen konnte
Jesus geht nicht darauf ein, was die Jünger sagen. Es geht ihm nicht um Ursachenforschung, das ist für ihn nicht der Sinn der Begegnung mit diesem Kranken. Es geht ihm um etwas anderes: Jesus lenkt den Blick auf das, was jetzt dran ist. „Weder hat dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“
Das ist , liebe Gemeinde, der springende Punkt in dieser Begegnung. Natürlich ist diese Geschichte auch eine Heilungsgeschichte, natürlich wirkt Jesus hier ein Wunder, in dem er den Blinden wieder sehend macht. Und selbstverständlich geht es auch hier um den Menschen, der Hilfe braucht, er wird nicht im Stich gelassen. Jesus heilt ihn. Aber diese Heilungsgeschichte hat einen ganz besonderen Charakter, eine ganz eigene Zuspitzung und eine ganz eigene Absicht. Es geht nicht darum, dass diesem Blinden die Augen geöffnet werden. es geht vielmehr darum, dass es jetzt an der Zeit ist, dass Gottes Werke offenbar werden, dass dafür allen Menschen die Augen geöffnet werden. dass erkannt wird, dass Gott der Herr und Jesus sein Sohn ist. Dass der Glaube wächst und sein Wille geschieht Durch Jesus das Licht der Welt und letztlich durch alle, die sich zu ihm zählen.
Jesus schenkt dem Blinden nicht nur das Augenlicht, damit dieser wieder sehen kann, nein, er führt den Geheilten auch zum Glauben und öffnet ihm das innere Auge. Darum wird sich der Blinde auch einige Verse später zu ihm als Herrn bekennen.
Das alles wird sein Leben verändern, dessen bin ich mir ganz sicher. Sein Leben wird ganz neu werden, er kann jetzt sehen – nicht nur mit der Sehkraft seiner Augen, sondern er kann nun auch klar sehen, wohin sein Weg ihn führen soll: Zu einem Leben, das von Gott bestimmt ist Geheilt vom Licht der Welt, lebt er nun im Licht.
Spüren wir, es geht hier um Heilung, aber um eine Heilung die viel tiefer geht. Und das sollen auch die Jünger erkennen. Schließlich sollen ihn die Augen aufgehen und uns auch. Es geht hier um Gottes Sohn selbst. Er soll als der Herr erkannt werden. Gottes Werke sollen offenbar werden, das ist der Mittelpunkt des ganzen. Nicht beim Gewohnten stehen zubleiben, sondern die Augen auf zu machen und zu sehen, worum es geht.
Wenn es manchmal so ist, dass ich auch nur das Vordergründige sehe und nach dem gewohnten Maßstab und dem gewohnten Muster handeln will, wie es die Jünger wollten, als sie den Blinden erblickten, dann möchte ich mir diese Geschichte in Erinnerung rufen. Sie lässt mich fragen. Was ruft mich heute aus meinem Alltagstrott heraus. Was könnte es heißen, dass ich jetzt mit diesem oder jenem Menschen zusammentreffe? Wo halte ich mich mit grundsätzlichen Überlegungen auf, statt darüber nachzudenken, wo jetzt meine Aufgabe ist und wie ich sie lösen kann ? Setze ich mich ein für das, was Gott will, wie es mir aufgetragen ist? Oder trete ich auf der Stelle?. „ Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts aber ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ So haben wir es zu Beginn im Wochen- spruch gehört. Werde ich dem gerecht? Ich will mich wachrütteln lassen.
Jetzt ist Urlaubs- und Ferienzeit. Das ist eine gute Zeit darüber nachzudenken, was mit dem eigenen Leben ist, wohin die Wege führen. Die Uhren laufen anders, die Geschäftigkeit des Alltags drängt die tiefer gehenden Fragen des eigenen Lebens nicht so sehr in den Hintergrund, sie dürfen an die Oberfläche treten. Lassen sie das ruhig einmal zu. Vielleicht ist es gut, die freien Tage auch dazu zu nutzen, die Dinge, die anliegen einmal näher anzuschauen, auch die Menschen um sich herum
Wer viel um die Ohren hat, der funktioniert oft eher, als das er Zeit und Raum hat für wesentliche Gedanken hat. Dann muss alles schnell und effektiv gehen sein. Aus unserem Text höre ich heute heraus, dass es auch wichtig sein kann, den Blick dahinter zu tun, sich die Augen öffnen zu lassen, für einen neuen Blick. Für einen Blick, der mir hilft mein Leben sinnvoll zu führen. Und das heißt mich als Christ im Einklang mit Gottes Willen zu wissen.
Gottes Werke sollen offenbar werden, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Aber das geschieht eben auch durch uns. Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichtes aber ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Der Wochenspruch kann ein Motto sein für die Gespräche und die Gedanken in der freien Zeit.
Es betrat einer einen Laden, erzählt eine kurze Geschichte. Sie kennen sie vielleicht schon. Aber hören sie noch einmal hin. Denn sie bringt es auf den Punkt, was jetzt wichtig ist. Also in dieser Geschichte erblickte der Mann einen Engel hinter der Ladentheke. Er wunderte sich nicht lange und fragte ihn: „Was verkaufen sie, mein Herr ?“. Der Engel antwortete: „Alles, was sie wollen.“ Der junge Mann dachte an die Nachrichten und Schlagzeilen der letzten Wochen. Schon lange erkannte er, dass da etwas geschehen muss: Und dies konnte die Gelegenheit dazu sein. Und er sagte also: „Dann hätte ich gerne das Ende von Terror und Gewalt, gerechte politische Entscheidungen, die die Armut beseitigen, mehr Bereitschaft miteinander zu reden und aufeinander zu achten, das Ende von Kindesmisshandlungen, Ausbildungsplätze für Jugendliche, mehr Familien-freundlichkeit in unserer Gesellschaft und.... Da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: „Entschuldigen Sie, junger Mann. Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen hier nur den Samen.“
Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann, sagt Jesus. Die Augen sollen den Jüngern und uns aufgetan werden, für das was ansteht. Und es ist gut, wenn man erkennt, wo etwas im Argen liegt. Aber das alles reicht allein noch nicht aus. Wir selbst sind vor die Aufgabe gestellt, uns an dem Ort für das Gute einzusetzen, an dem wir sind. Mit den Mitteln und mit den Möglichkeiten, die wir haben. Und das verträgt keine lange Bank. Das wird dann dazu dienen, dass die Werke Gottes durch uns offenbar werden. Darauf kommt es an, bei allem was geschieht.
Der Blinde hat eine Wende erlebt. „Lerne zu sehen!“ so will ich das jetzt einmal nennen. Das ist sicher das Beste, was er seit langem gehört hat. Und er kann sehen. Und das macht sein Leben neu. Aber auch die Jünger und wir werden damit hinein genommen: „Lernt neu zu sehen!“ Beiden, uns und den Jüngern, werden die Augen geöffnet. Leben heißt den Glauben zu leben. Gott hat uns in die Welt gestellt, damit wir für seine Sache eintreten, sie ans Licht bringen. Jetzt ist die Zeit, den Willen Gottes zu tun und ihn damit zu loben. Mit frischer Kraft und mit einem klaren Blick. Machen wir die Augen auf! Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Matthäus 28, 1+8 am Ostersonntag, 23.03.08
Marktkirche Neuwied
Ostern ändert alles, liebe Gemeinde.
Wie aus einer am Boden liegenden Raupe durch wundersame Verwandlung ein am Himmel fliegender bunter Schmetterling wird, so macht Gott an Ostern eine unglaubliche Verwandlung –mit Jesus, mit seinen Freundinnen und Freunden und wenn wir wollen, sogar mit uns.
Ostern verändert alles!
Aus dem Karfreitagsschreck wir das Osterlachen, aus der Todesangst wird Lebenslust, aus dem Grabesgesang wird die Siegeshymne. Die Sackgasse von Karfreitag entpuppt sich als Durchgangsstation, das Grab wird zur Dunkelkammer, in der sich aus dem Negativen ein neues Bild vom Leben entwickelt.
Zwei Verse aus unserem Osterevangelium, das wir eben gehört haben, machen uns das deutlich. Sie sind eine Momentaufnahme mit einem Überschuss an Bedeutung und Aussagekraft und sie zeigen uns: Ostern verändert alles. Ich lese uns die beiden Verse noch einmal:
„Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und mit großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.“ (Matth. 28, 1+8)
Immer, liebe Gemeinde, wenn ich auf dem Friedhof bin, dann werde ich unweigerlich an diese beiden Verse erinnert. Ja, ich erlebe sie beinahe nach und wiederhole sie für mich. Es fängt damit an, dass ich mit einer Trauerfamilie und mit einem Sarg oder einer Urne von der Friedhofskapelle zum Grab ziehe, mal mit wenigen und mal mit vielen Trauergästen hinterher.
Aber immer gehen wir langsam. Niemals eilig, selbst wenn es regnet oder stürmt sind sich alle darin einig und das ohne Absprache: Auf dem Friedhof rennt man nicht. Der Gang zu einem Grab ist ein langsamer, denn es ist ein bedächtiger, ja ein schwerfälliger Weg, weil er eben schwer fällt und weil es schwer ist, ihn zu gehen. Ihn geht man nicht, wie man eben mal noch schnell auf die Post geht, oder um die Ecke zum Brötchen holen.
Die Trauer auf dem Weg zum Grab macht die Beine schwer, der Abschied geht langsam vor sich, fortschreitend, unwillig fast, schrittweise dem Grab und damit dem endgültigen Abschied entgegen. Denn am Grab angekommen ist dann kein Umweg mehr möglich, kein Ausweg mehr ist zu sehen und unumgänglich ist dann die Trennung von dem, der gestorben ist.
Und wenn ich dann als Erster vom Grab wieder weggehe, zurück, dann komme ich oftmals an dem großen Kreuz vorbei, das auf unserem Friedhof sichtbar aufgestellt ist. Und dann fallen mir immer die Frauen vom Ostermorgen ein. Zurück gehe ich nämlich jetzt ziemlich schnell. Nicht nur weil ich es eilig habe, sondern weil es mich ganz unwillkürlich und unbewusst zurückzieht ins Leben, weg vom Tod und weg von diesem Grab. Und wenn ich dann das Holzkreuz sehe, dann fallen mir Maria von Magdala und Maria ein.
Tatsächlich, liebe Gemeinde, ist es die einzige Geschichte, die ich kenne, in der jemand auf dem Friedhof rennt. Zuerst nämlich sind die beiden Frauen im Trauermarsch angekommen. Sie sind gekommen, um dem Ritual des Loslassens und der Trennung entlang zu gehen. Sie sind gekommen, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren wie es Sitte war und um ihrem Herrn die letzte Ehre zu erweisen.
Und ich kann verstehen, dass sie eher bedrückt und langsam zum Grab kommen. Viel zu tief sitzt noch der Schock der letzten Tage: die Verhaftung Jesu, seine Verurteilung und schließlich die Kreuzigung. Wie aufgewühlt mögen die beiden Frauen gewesen sein, ihre Seele trauert und ihr Herz weint. Verständlich, dass sie bedrückt und ohne große Hoffnung gehen, langsam und schweigsam am Grab Jesu ankommen.
Aber dann kommt die große Verwandlung, die den am Boden kriechenden Frauen regelrecht Flügel wachsen lässt und die sie wie Schmetterlinge zu Boten eines neuen Frühlings werden lässt, so dass sie ausschwärmen und zurück ins lachende Leben rennen mit der unglaublichen Botschaft auf den Lippen und in den Herzen, dass Gott die große Verwandlung gelungen ist.
Natürlich ist das nicht einfach. Denn diese Nachricht ist ja kaum zu fassen. Sie ist mehr als irgendjemand zu begreifen vermag. Kein Wunder also, dass die Frauen nicht nur leicht wie Schmetterlinge davon tänzeln, sondern vor allem auch Schmetterlinge im Bauch haben. Die Mischung an Ostern, liebe Gemeinde, macht es: Es heißt da „Furcht und große Freude“ habe die Frauen bewegt. Das ist der Stoff aus dem die Osterträume sind, die Mixtur aus Himmel und Angst, nämlich Himmelangst, die unerträgliche Tragweite der Auferstehung Jesu von den Toten.
Entscheidend aber ist der neue Bewegungsablauf: Aus dem Trauermarsch wird ein Siegeszug. Wir schleichen nicht mehr nur dem Tod hinterher, sind nicht nur die geschlagenen Hinterbliebenen des unendlichen Todes, wir haben nicht nur das Nachsehen - nein Ostern ändert alles. Ostern macht uns Beine und Hoffnung. Ostern schickt uns zurück und lässt uns das Leben neu angehen. Wir laufen um unser Leben, diesmal aber nicht von Angst verfolgt, sondern in der Nachfolge dessen, der die Angst überwunden hat.
Wir werden, liebe Gemeinde, immer wieder auf den Friedhof müssen, denn auch weiterhin werden Menschen sterben. Der langsame, schweigsame und bedrückende Abschiedsweg wird uns trotz Ostern nicht erspart bleiben. Immer wieder werden wir uns an Gräbern versammeln und den schweren Gang üben. Aber mit Ostern wissen wir, dass der Weg ans Grab keine Einbahnstraße mehr ist.
Mit Furcht und mit großer Freude sollen und dürfen wir bei jedem Weg vom Friedhof zurück daran denken, dass die Frauen damals nicht ohne Grund so gerannt sind.
Sie mussten die Nachricht von der Auferstehung in Umlauf bringen. Sie mussten weitergeben, dass Gottes Pläne mit uns nicht am Grab enden, sondern sich wenden zu einer Verwandlung hinüber in die Ewigkeit.
Ostern ändert unsere Gangart und hoffentlich auch unseren Umgang miteinander. Ostern sprengt unsere engen Grenzen und unsere kurze Sicht.
Laufen lernen, nicht weg und auf und davon, sondern drauflos und drauf zu. Der Ostermarsch hat begonnen - mit Furcht und mit Freude.
Und der Weg zurück vom Grab führt nicht mehr in die Einsamkeit und die Verzweiflung. Der Weg zurück vom Grab führte die beiden Frauen zurück zu den Jüngern, zu den Menschen und in die Gemeinde. Und da, wo sie von dem erzählten, was sie erlebt haben, wurden Menschen ermutigt, getröstet und gestärkt.
Ich glaube, die Begegnung mit dem Auferstandenen macht das auch heute noch möglich. Wo Menschen getröstet werden, wo sie Mut finden und neue Hoffnung schöpfen, wo Menschen Schritte in eine neue Zukunft wagen und Gemeinschaft erleben, da ist der Auferstandene am Werk. Und damit immer mehr Menschen davon erfahren, ist es unsere Aufgabe, von Ostern zu erzählen. Denn Ostern verändert alles, weil Christus auferstanden ist und weil er lebt.
Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Jesaja, 52,13 -53,12 zum Karfreitag
am 21. März 2008, Marktkirche Neuwied
Liebe Gemeinde !
Karfreitag ist der dunkelste Tag im Kirchenjahr. Schon die äußeren Zeichen weisen in manchen Gegenden darauf hin: Während sonst das festliche Geläut der Kirchenglocken zum Gottesdienst ruft, schweigt es an diesem Tag. Vielerorts erklingt auch die Orgel nicht. Verbreitet ist ebenfalls die Sitte, dass die farbigen Tücher an Altar und Kanzel abgehängt werden. Die Kerzen sind abgeräumt. Auf oder über dem Altar erblickt die Gemeinde nur das Kreuz.
Die Praxis wird nicht überall durchgeführt; manche Gemeinden handhaben sie strenger, andere zurückhaltender. Aber ganz gleich, wo man heute den Gottesdienst besucht: Man spürt schon, dass dieser Feiertag einzig dasteht im Kirchenjahr. Einige behaupten sogar, der Karfreitag sei für die evangelischen Christen der höchste Feiertag überhaupt. Das ist nicht so; der höchste Feiertag ist für uns Ostern, so wie für alle anderen christlichen Konfessionen auch.
In meiner Kindheit hatte der Karfreitag übrigens auch außerhalb des Gottesdienstes seinen eigentümlichen Charakter; und ich finde es sehr schade, dass er diesen Charakter zunehmend verliert. Es war ein ganz stiller Tag, mit einem besonderen Ernst und einer gedämpften Atmosphäre. Das Radio spielte nur getragene Klassik, sportliche und gesellschaftliche Veranstaltungen waren untersagt, die Menschen verhielten sich still. Ich mochte diesen Tag mit seiner verhaltenen Melancholie. Andere hielten seine Atmosphäre schon damals nur mit Mühe aus und sie werden darüber erleichtert sein, dass sie heutzutage dem Karfreitag problemlos aus dem Weg gehen können; alternative Angebote gibt es ja genug.
Der ursprüngliche Sinn des christlichen Karfreitags ist vielen verloren gegangen und viele Menschen können mit diesem Feiertag gar nichts mehr anfangen. Aber irgendwie passt, sie gehen ihm lieber aus dem Weg. Diese Entwicklung passt in unser gesamtgesellschaftliche Bild: Wir leben ja heute in einer Welt, in der man gerne allem aus dem Weg geht, was unbequem ist, was mit Leiden, Schmerz und Tod zu tun hat. Die dunklen Seiten des Lebens werden häufig nach Möglichkeit ausgeblendet und ignoriert. Und da ist es doch nahe, dass man sich an einem solchen Feiertag eher mit fröhlichen Dingen beschäftigt, mit Besuchen auf Ostermärkten und Kirmes, als sich auf das Leiden und Sterben eines Menschen einzulassen, das obendrein noch fast zweitausend Jahre zurückliegt.
Und doch halte ich die Auseinandersetzung damit für wichtig und notwendig. Nicht nur aus dem Grund, weil Leiden und Sterben zu unserem Leben dazugehören und nicht permanent verdrängt werden sollten. Deshalb auch. Viel wichtiger aber erscheint mir etwas anderes: Ich bin nämlich der Meinung, dass der Tod Jesu und die besonderen Umstände seines Sterbens uns auch heute noch etwas angehen. Und warum? Weil – und damit rühren wir an den Kern des christlichen Glaubens – sich Gott gerade zu diesem Jesus bekannt hat, der auf so erbärmliche Weise gestorben ist.
Was ist denn damals passiert auf dem Hügel Golgatha vor den Toren Jerusalems? Da wurde einer gekreuzigt, aber nicht nur das; er wurde mit Spott und Schande übergossen und der Lächerlichkeit preisgegeben. Schon vor dem Weg zur Hinrichtungsstätte hatten sich menschliche Willkür und Gewalt an dem Wehrlosen ausgetobt; man hatte ihm ins Gesicht gespuckt und ihn mit Fäusten geschlagen; man hatte ihn mit Lederriemen gegeißelt und ihm zum Hohn eine Dornenkrone aufs Haupt gedrückt. Und selbst dann noch, als er endlich am Kreuz hing, nahm der Spott kein Ende: „Nun steig doch herunter vom Kreuz, du Sohn Gottes, zeig uns deine Wunderkraft, dann wollen wir an dich glauben!“ Jesu Jünger hatten sich längst aus dem Staub gemacht und ihn im Stich gelassen; nur einige Frauen aus seinem Gefolge waren von ferne Zeugen dieses entwürdigenden Schauspiels. Einsam und allein, von den Menschen und allem Anschein nach auch von Gott verlassen, so hing er da am Kreuz, bis ihn der Tod von seinen Qualen erlöste.
Das ist damals passiert, und die Evangelisten erzählen uns davon ohne jedes Pathos, geradezu sachlich und nüchtern, aber eben darum umso erschütternder. Und sie erzählen auch, dass Jesus genau mit diesem Tod schon vorher gerechnet und seine Jünger entsprechend vorbereitet hatte: So würde er sterben müssen, so elend, so trostlos, so schmerzhaft und so mutterseelenallein. Die Jünger hatten erschrocken abgewehrt und ihm das ausreden wollen. Aber er hatte darauf bestanden und sich dazu auf die Botschaft eines unbekannten Propheten aus der Zeit des babylonischen Exils berufen; eine Botschaft sein eigenes Schicksal vorgebildet sah. Diese Botschaft lautete wie folgt:
Textlesung: Jesaja 52,13 – 53,12
In dieser alten Prophetenbotschaft hat sich Jesus wiedererkannt. Und sein Schicksal traf ihn darum zwar mit unverminderter Härte, aber keineswegs unvorbereitet. Ja, er starb so, wie es beim Propheten hieß: als der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Qualen. Er starb wie ein Schwerverbrecher, verfemt und verachtet und ohne jeden Trost. Wenn je einer nach menschlichem Ermessen auf der ganzen Linie gescheitert war, dann er. Und wir wüssten heute nichts mehr von ihm, seine Lebensspur wäre längst verweht, wenn nicht Gott selbst sich zu diesem Gescheiterten bekannt und ihn von den Toten auferweckt hätte. Das war der Wendepunkt; und dieser Wendepunkt rückte auch sein ganzes Leben und Sterben in ein anderes Licht. Wie es beim Propheten hieß, staunend und bewegt: „Fürwahr – er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Mit anderen Worten: Für uns hat er das alles auf sich genommen, alle die Anstrengungen und Entbehrungen seines irdischen Lebens und die Schmerzen seines Todes. Für uns hat er das alles getan, um uns zu Gott zu führen. Für uns, die wir oft nur unsere eigenen Interessen im Auge haben und unsere egoistischen Ziele verfolgen, die wir nur an uns selber und unseren persönlichen Vorteil denken. Für uns, die wir alle in die Irre gehen wie Schafe und nur auf unseren eigenen Weg sehen. Für uns hat er’s getan. Was für ein Kontrast zu unserer alltäglichen Realität, in der sich jeder selbst der Nächste ist! „Geiz ist geil“, so suggeriert uns die Werbung, und: „Ich bin doch nicht blöd.“ Ich bin doch nicht blöd, mich für andere einzusetzen. Ich bin doch nicht blöd, etwas zu tun, was mir nichts einbringt. So blöd kann ich doch gar nicht sein.
Jesus, liebe Gemeinde, war so „blöd“. Er hatte diese innere Einstellung, die heute bestenfalls müde belächelt wird. Er war, um es mit einem bekannten Wort Dietrich Bonhoeffers zu sagen, „der Mensch für andere.“
Ist diese Einstellung wirklich dumm und blöd? Wohin hat es denn unsere Welt gebracht, dass heute jeder vor allem an sich selber denkt? Wie stehen wir heute da? Misstrauen und Neid, Rücksichtslosigkeit und Korruption vergiften das gesellschaftliche Klima. Die Wirtschaft hierzulande mag im Aufschwung sein; innerlich aber werden wir immer einsamer und ärmer.
Wie hieß es noch von Jesus? „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.“ Und gerade mit ihm hat sich Gott identifiziert. Ich lerne daraus: Gerade das schwache, von Krankheit oder Not entstellte Leben hat bei Gott den höchsten Wert. Gerade das Leben, das nur noch ein Häuflein Elend ist, verdient besondere Achtung, Liebe und Zuwendung. Das scheint mir wichtig zu betonen in einer Welt, die ständig auf der Jagd ist nach den modernen Götzen, die Erfolg heißen oder Schönheit oder ewige Jugend.
Beim Anblick des Gekreuzigten von Golgatha kehren sich die Maßstäbe um. Deutschland sucht den Superstar? Bitte schön: Für mich sind das nicht die Sterne und Sternschnuppen am Medienhimmel; meine Helden sind ganz andere: die Altenpflegerin, die sich Tag für Tag um ihre Schutzbefohlenen kümmert; die Eltern, die sich die Fürsorge für ihr schwer behindertes Kind teilen; die Frau, die für ihren alten und launischen Schwiegervater sorgt; der Anwohnerin in unserer Straße, die täglich nach ihrem kranken Nachbarn sieht.
Für mich sind das die wahren Helden unserer Zeit. Sie bestätigen das, was das Kreuz Jesu lehrt: Es ist allein die Liebe, die unsere Welt am Leben erhält und die sie am Ende erlöst.
Amen
Werner Zupp, Pfarrer
Predigt zu Johannes 14,19 (Jahreslosung) am Silvester
31. Dezember 2007, Marktkirche Neuwied
Liebe Gemeinde !
Das neue Jahr beginnen wir am besten mit guten Worten. Und ein besonders gutes Wort ist uns in diesem Jahr mit der Jahreslosung für das morgen neu beginnende Jahr 2008 geschenkt. Jesus hat diesen Satz im Johannesevangelium im 14. Kapitel zu seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt. Und er hat ihnen diese Worte gesagt, als sie ein wenig trostlos dreinschauten und ängstlich waren, weil sie wussten, dass sie bald ohne ihren Jesus leben müssten. Da sagt Jesus voller Mitgefühl zu ihnen: „ Ich lebe und ihr sollt auch leben!“
Liebe Gemeinde, „Ich lebe und ihr sollt auch leben,“ das ist führwahr ein schönes Versprechen am Vorabend zum neuen Jahr und Ende des alten Jahres. Wir sollen auch leben. Und wir brauchen jetzt neben der Freude über dieses Versprechen nur ein paar Augenblicke zu überlegen, was denn das wohl genau für unseren Alltag im kommenden Jahr heißen mag: Ihr sollt auch leben!
Etwas ganz Neues, wie dieses Jahr beginnen wir am besten mit guten Worten. Und weil wir ja nun darüber nachdenken wollen, was unser Leben im kommenden Jahr reich machen kann, möchte ich Ihnen zunächst noch ein paar wunderschöne Worte eines amerikanischen Dichters vorlesen: Er heißt Trumann Capote und sein berühmtestes Buch ist ein weltberühmter Film geworden: „Frühstück bei Tiffany“. In diesem Film versucht eine etwas eigensinnige junge Frau, sich selbst zu behaupten und in der Großstadt etwas vom Sinn des Lebens zu finden. Der Schriftsteller Capote, der alles in allem kein sehr glücklicher Mensch war und der Alkohol und Drogen zu sich genommen hat, hat aber auch andere kleine Geschichten geschrieben. Eine davon heißt „Weihnachtserinnerung“. Aus ihr will ich jetzt einige Sätze vorlesen. Darin sagt eine junge Frau zu dem Erzähler:
Weißt du, was ich immer gedacht habe ?
Ich habe früher immer gedacht, der Mensch müsste erst krank werden und im Sterben liegen, ehe er Gott zu Gesicht bekommt. Und ich habe mir dann immer vorgestellt, wenn Gott, kommt, dann wäre es so, als schaute man durch ein farbiges Glas. Dann sieht man die Sonne in vielen Farben und in großem Glanz.
Und das ist mir immer ein großer Trost gewesen.
Aber heute – heute würde ich wetten, dass es gar nicht so kommt.
Ich wette zu allerletzt begreift jeder Mensch, dass Gott sich ihm bereits gezeigt hat. Es ist so. Einfach alles – Wolken und Gras und die ganze Erde – ist Er, Gott ist alles in allem, was der Mensch schon immer gesehen hat. Das heißt aber auch. Er hat ihn schon längst gesehen. Und das tröstet mich noch mehr. Mit Ihm in den Augen könnte ich die Welt verlassen.“
Ich finde diese Sätze wunderbar. Wer wollte Gott nicht gerne sehen? Wer wartet nicht darauf, einmal den großen Gott mit eigenen Augen zu sehen? Und damit muss man nun eben nicht warten, bis Krankheit oder Tod kommen. Die Welt sehen, heißt Gott sehen. Das muss doch mal gesagt werden. Das Leben ist umgeben von Gott. Keinen Schritt, keinen Atemzug mache ich ohne ihn – ich muss es nur erkennen wollen. Ich muss leben wollen, um Gott zu sehen.
So ist das auch mit dem Leben, von dem Jesus in der Jahreslosung spricht, liebe Gemeinde. Es ist schon da. Es wartet nicht irgendwo dieses Leben und irgendwann auf mich, sondern es ist schon hier, in meinem Leben. Gott selbst und Gottes Leben mit mir ist schon mitten in meinem Leben, mitten an diesem letzten Tag des alten Jahres und ganz gewiss an all den Tagen, die im neuen Jahr kommen werden. Ich muss es nur entdecken. Wie Jesus nicht tot blieb, so leben auch wir.
Wie aber kann ich das finden, wie kann ich dieses Leben entdecken und erfahren?
Das alles ist selten auf den ersten Blick zu entdecken. Denn der erste Blick ist bei vielen von uns eher ein Blick des Kummers. Der erste Blick heißt meistens: so viele Sorgen, so viele Schrecken in der Welt. So vieles erzählt von Tod und vom Verderben. Und der Tod hat viele Bilder, die uns unmittelbar einleuchten. Aber was sind für uns die Bilder des Lebens?
Ich möchte ihnen heute Abend drei Bilder des Lebens benennen und von ihnen erzählen. Und sie Ihnen mitgeben. Man entdeckt und erkennt diese Bilder erst auf den zweiten oder gar auf den dritten Blick, aber dann sind sie auch einleuchtend:
Wer also vom Leben erzählen will, das immer bleibt und immer gut tut, der sollte als erstes vom Leben der grenzenlosen Erleichterung erzählen. Das ist ein Bild des Lebens, wie Gott es uns manchmal schenkt. Und wer das erlebt, ist froh und dankbar. Denn Erleichterung ist etwas Herrliches. Da erfährt ein Mensch, dass er geheilt ist. Eine Frau hört, dass die Tochter ein gesundes Kind zur Welt gebracht hat. Ein Junge hat das Abitur bestanden. Ein Kranker ist heilfroh über die Hilfe der Pfleger. Es gibt sicher viele Möglichkeiten, erleichtert zu sein und dankbar. Aber dann kommt noch hinzu: die grenzenlose Erleichterung. Die ist besonders schön. Da spürt man, wie das Leben uns vom Boden anhebt und ja wie es uns lieb hat und neue Zuversicht gibt. Grenzenlose Erleichterung, wann immer ich sie erlebe, erinnert sie mich an den Satz Jesu: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“.
Als zweites Bild vom Leben denke ich an die größtmögliche Hingabe zu der Menschen fähig sind und Sie brauchen dazu gar keine Lautsprecher. Meist geschieht das alles im Stillen. Da pflegen Erwachsene ihre alten Eltern, da leben Eltern mit ihrem behinderten Kind aufopferungsvoll und verzichten auf manche Annehmlichkeiten, um die Kranke oder den Behinderten nicht allein zu lassen. Und sie erleben dabei, dass solche Hingabe sie nicht ärmer, sondern reicher macht. Auch das ist für mich ein Bild des Lebens, wie Jesus es selber manchmal erfahren hat. Und ich will nicht verschweigen, dass Pflege auch eine große Last sein kann und niemand von uns schräg angesehen werden darf, wenn er oder sie diese Last nicht mehr tragen kann. Hingabe kann viele Formen haben und kann auch von Menschen vollbracht werden, die ihre Liebsten nicht mehr zu Hause haben. Wer zwei – oder dreimal in der Woche seine Mutter im Heim besucht, kann dieselbe Hingabe geben, wie Menschen die ihre Mutter zu Hause behalten. In jedem Fall ist die Hingabe ein Lebensgeschenk Gottes, bei der sich eine Last des Lebens in Segen verwandeln kann.
Und noch von einem dritten Bild des Lebens möchte ich erzählen. Es ist das Wissen geliebt zu werden. Das ist ein großes Glück und dieses Glück hat schon viele Menschen wieder aufgerichtet. Es gibt ja Tage und Wochen, da will einem gar nichts so recht gelingen, da fühlt man sich bei der Arbeit überflüssig, man fürchtet Angehörigen oder Freunden auf die Nerven zu fallen, man kränkelt und hat Angst und nichts davon lässt sich so einfach wegwischen.
Aber dann gibt es eben auch die ganz andere Erfahrung. Manchmal mitten im Gefühl des Elends bekennt sich einer zu mir, lobt mich jemand und zeigt mir, was ich ihm wert bin.
Da wächst mitten aus dem Gefühl des Minderwertigen ein ganz anderes Gefühl. Das Wissen geliebt zu sein, geschätzt und geachtet zu werden: Ich bin den Anderen etwas wert und sie zeigen es mir unaufgefordert, dann spüre ich, wie das Leben wieder in mir pulsiert..
Das, liebe Gemeinde, sind drei Bilder vom Leben und es gibt bestimmt noch mehr solcher Bilder |